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Catrek-Chronik

Abenteuer in einer Fantasy-Welt
von

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Conrad 4

Es war finstere Nacht. Eine Nacht wie Assasinen sie bevorzugten, sollte man meinen, aber das war der Standpunkt von Amateuren. Das waren auch die gleichen Dummköpfe, die glaubten, man würde einen schwarzen Schatten nachts nicht dahin huschen sehen. Gewiss, tiefschwarze Nacht hatte ihre Vorteile, denn man wurde schlechter gesehen, gerade wenn man ein ausgebildeter Mörder war. Aber zu dieser Tageszeit ruhte die Aktivität, und jedes Geräusch das erklang, erschien dreimal so laut wie am Tage, und Dutzende Ohren hörten feiner als die Hunde.

Wie schön war es doch am Tage, wenn die Pferde auf der Straße wieherten, der Schmied sein heißes Eisen anschlug, die Nachbarsweiber miteinander schwatzten – in so einer Kulisse hörte man das leise Geräusch eines mit der Armbrust abgeschossenen Pfeils einfach nicht. Oder den Dolch, der von hinten in einen Körper fuhr. Der Assasine bevorzugte den Tag und eine gute Verkleidung, die ihn schneller mit der Menge verschmelzen ließ als schwarze Sachen, die ihn ohnehin auffällig machten. Der Assasine hatte vom Assasinenkult der Götter auf Turem gehört, einer fanatischen Bande von Mördern, die morden zu einer neuen Kunst erhoben zu haben glaubten. Sie schmückten sich mit kostbaren weißen Masken aus Marmor oder lackiertem edlem Holz, das aufwändig mit Gold und Silber bemalt war. Sie nannten diese Masken Gesichter des Todes, denn wer die Maske sah, der lebte nicht mehr lange.

Über so ein Gebaren konnte der Assasine nur milde lächeln. Solch eine Maske machte einen Mann genauso schnell zur Zielscheibe wie eine schwarze Gestalt, die nach einem Mord in einer schummrigen Kneipe aufgefunden wurde.

Gut, gut, er hasste die Nacht nicht völlig. Immerhin war es oftmals nötig, in der Nacht zu zu schlagen. Zum Beispiel wenn der Agenfelter Kronprinz überraschend nach Hause gerufen wurde und eine anstrengende Reise hinter sich hatte und nun todmüde in seinem weichen Bett in einem Rasthaus schlief, dann war die Nacht ein guter Freund, denn Schlafende wurden so leicht nicht geweckt. Vor allem nicht zwei oder drei Stunden, bevor ihre Reise weitergehen musste.

Der Assasine gestattete sich ein dünnes Lächeln. Es war zwei Stunden, bevor die Kutsche weiter fuhr, und der Kronprinz war in dieser Herberge. Ein kurzer Blick in das Register des Wirts hatte auch das Zimmer offenbart, in dem seine Hoheit nun selig schlummerte. Es war beinahe zu einfach.

Denn wenngleich Jisathan in Burg Catrek nahezu unangreifbar war, in Agenfelt gab es andere Gesetze. Und sein Auftraggeber war dabei, ihm eines dieser Gesetze näher zu bringen, das über die Macht und den, der sie hatte. Es würde eine kurze Lektion werden.

Der Assasine erreichte die Tür des Kronprinzen, ohne einen unnötigen Laut zu verursachen. Langsam drehte er den Türknauf, und tatsächlich, der Riegel war nicht vorgeschoben worden. Leise öffnete er die Tür und trat wie ein huschender Schatten ein.

Ein einziges großes Bett dominierte den Raum. Zwei Körper lagen darauf. Einer dicht verstrickt unter den weißen, warmen Laken, ein anderer daneben, das eigene Deckbett zu Boden gestrampelt. Es war eine junge Frau, beinahe ein Mädchen, das in einem viel zu kurzen Nachthemd selig wie ein Engel schlief. Das musste seine Mätresse sein. Nun, das arme Ding würde sicher nicht ans Ziel ihrer Träume kommen, an einem Königshof leben und im Luxus schwelgen können . Im Gegenteil. Ihr Traum starb hier und jetzt mit ihrem Herrn. Langsam griff der Assasine mit der Linken nach den Laken, während er mit der Rechten den Dolch stoßbereit empor hielt. „Triff deinen Schöpfer, Jisathan!“, zischte er, wie sein Auftraggeber ihm aufgetragen hatte, dann riss er die Decke fort.
 

Ein spitzer Frauenschrei und eine nachfolgende Explosion riss Conrad Waldek aus seinem ohnehin nur flachen Schlummer. Er griff sofort zu seinem Schwert und stürmte auf den Flur, dem Schrei nach. Ihm folgte Mirk Farel, der sich mit ihm den Raum geteilt hatte. Jisathan von Tirit-Alem und sein Gefolgsmann Kitram Lorhest eilten aus einem zweiten Zimmer herbei, während Torandil Azet mit seinem Onkel Livon aus einem dritten Raum kam. Sofort eilte Conrad zu dem Zimmer, aus dem der Schrei ertönt war, lief hinein und blieb entsetzt stehen. Nicht unbedingt wegen der vollkommen verrußten Gestalt, die sich in Krämpfen am Boden wand, nicht unbedingt wegen der zornigen Selestin, die einen Feuerball manifestiert hatte, der den Fußboden durchschlagen konnte, und danach immer noch genügend Kraft hatte um sich bis in den Keller zu bohren.

Nein, es war Taramia Northim, Selestins Mutter, die entsetzt auf dem Bett saß, und sich nur ihr Laken sehr notdürftig und ungeschickt an den nackten Körper presste. Um ihre Fingerspitzen britzelten noch immer die Reste taumatischer Energie des Feuerballs, mit dem sie dem Attentäter den Knock out gegeben hatte. Dabei machte sie ein Gesicht, als wäre der Horror, den sie selbst produziert hatte, von jemand anderem verbrochen worden. „Livon...“, hauchte sie, stand im gleichen Augenblick direkt neben dem Major aus Roem, und umklammerte ihn. „Dieser Schuft wollte mich nackt sehen. Ich habe es gemerkt, als er an meiner Decke zog. Oh, ich habe mich ja so erschrocken.“

„Und der erstmal“, murmelte Mirk und richtete mit einem nervösen Hüsteln ein Stück des Lakens über die ansehnliche Kehrseite der neuen Gastdozentin von Burg Catrek.

Livon Azet hatte sich mehr oder weniger in sein Schicksal ergeben und hielt die Göttin seinerseits im Arm. „Es ist ja alles gut. Ich bin sicher, der Bursche hat seine Lektion gelernt und wird nie wieder versuchen, eine schöne Göttin gegen ihren Willen zu sehen wie die Schöpfer sie erdacht haben.“ Ein dünnes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Verstehen kann ich ihn ja, Taramia.“

„Oh, Livon, du Schelm“, tadelte sie in einem neckischen Tonfall und klopfte dem großen Gott mit der flachen Hand gespielt auf die breite Brust.

Conrad indes, der als einziger der anderen nicht darauf hoffte, dass Taramia vielleicht doch wieder den Zipfel des Lakens fallen ließ der sie nun verhüllte, kniete neben dem Mann und sah ihm in die Augen. Dann blickte er zu Selestin herüber, die sich nur mühsam beherrschen konnte, um ihren Feuerball nicht zu werfen. „Geht es dir gut?“

„Was? Ja, mir ist nichts passiert. Es war wohl der Schreck, der mir zu schaffen machte. Plötzlich stand er da mitten im Raum, und bevor ich mich versah, da hatte Mutter ihn schon nach Strich und Faden fertig gemacht. Eigentlich ist er eine ganz arme Sau“, murmelte die Kadettin und ließ die Energie des Feuerballs wieder versiegen. Eine kleine Zornesader pochte auf Selestins Stirn, als sie zu Taramia sah und das Schauspiel bemerkte, welches diese provozierte. „Mutter! Ich habe dir gesagt, du sollst nicht nackt schlafen!“

„Aber es ist doch so heiß in Agenfelt“, murrte sie. „Und wir waren so lange in der Kutsche unterwegs, da habe ich mir doch alles wund gesessen. Wie kannst du da von mir verlangen, schon wieder Kleidung zu tragen. So ein Laken ist doch viel angenehmer und so streichelzart auf der Haut. Ich wundere mich, wie ihr das in Agenfelt macht, Jisathan.“

Der Prinz räusperte sich vernehmlich und wurde sich bewusst, worauf er die ganze Zeit gestarrt hatte. „Äh, nun, diese Art von Stoff machen wir von Seidenspinnern. Besonders im Sommer sind sie wunderbar kühl und doch wärmend zugleich. Wir exportieren sie ins Ausland, aber es scheint, Turem haben sie noch nicht erreicht. Die Nachfrage ist eben größer als die Seidenspinnerfarmen“, murmelte er und versuchte auf rhetorisch sicheres Gebiet zurück zu finden.

„Weißt du eigentlich, wie viel Aufmerksamkeit deiner Schüler du auf dich ziehst? Von Major Azet ganz zu schweigen“, brummte Selestin böse.

„Du hast ja leicht reden. Du hast einen Freund. Einen großen, stattlichen, tapferen Burschen. Aber ich, alt und grau und ganz alleine auf der Welt muss doch für jeden Funken Aufmerksamkeit dankbar sein, den ich in meinem hohen Alter noch erhaschen kann“, murrte sie.

Dies nahmen die Männer um Mirk zum Anlass der Lehrerin zu versichern, dass sie eine wahre, blendende Schönheit war, die ihresgleichen suchte. Im Prinzip genau zwei Meter bis zur am Boden knienden Selestin, denn wenn man einmal davon absah, dass die Mutter ihr Haar lang und glatt trug, schienen die beiden wie zwei Seiten eines Spiegels zu sein. Auch im Charakter waren sie sich mehr als ähnlich, wenngleich keine der beiden das freiwillig zugeben würde.

„Alles klar, alle Männer raus hier“, sagte Conrad fest, griff nach dem Kragen des Attentäters und hob ihn ohne sichtbare Kraftanstrengung hoch. Dann scheuchte er die anderen Männer in den Gang hinaus. Major Azet folgte schließlich auch, nachdem Conrad seine Brille die Nase zurück geschoben und ihm einen Blick mit gerunzelter Stirn zugeworfen hatte.

„Das ist das Zeichen, meine Liebe. Ich werde wohl für eine lange Zeit auf das Vergnügen verzichten müssen, dich in den Armen zu halten, werte Taramia.“

„Aber, Livon, was bist du doch für ein kleiner Frechdachs“, tadelte sie ihn mit einem Kichern.

Der Major lächelte sie an und nickte ihr sowie Selestin noch einmal zu. „Wir werden ab sofort Wache an der Tür halten, meine Damen. Schlaft weiter, so gut ihr es könnt. Wenn es sein muss wecke ich den Wirt und lasse ihn kühlen Wein bringen, der euch beim einschlafen helfen wird.“

„Ich danke für deine Fürsorge, Livon“, erwiderte Taramia. „Servierst du den Wein persönlich an meinem Bett?“

„Mutter!“, tadelte Selestin erneut und schloss die Tür.

Kurz darauf konnte man die beiden zusammen lachen hören.
 

„Na, die haben sich ja schnell vom Schrecken erholt. Bei denen ist wohl alles in Ordnung“, murmelte Conrad. „Torandil, du bewachst die Tür als erster. Ich werde dich in einer Stunde ablösen. Alle anderen folgen mir erst einmal in den Gastraum.“

„Menno. Wieso muss ich hier bleiben und ihr geht alle runter?“, murrte der Gott.

„Weil du von Turem kommst und am wenigsten über Agenfelt weißt. Du kannst dir später alles was wir besprechen von mir erzählen lassen. Ist das logisch?“

Widerwillig nickte Torandil. „Logisch und fies. Miiirk!“

„Was schaust du mich an? Torangar ist kein direkter Nachbar von Agenfelt, aber wir haben eine große Handelsstraße zwischen unseren Nationen. Ich werde gebraucht.“

„Jisathaaan.“

„Dumme Idee. Ich bin hier der Kronprinz. Ich weiß am meisten über die Gegend.“

„Major Azet...“

„Keine Chance, Kleiner. Ich bin Soldat der Armee, deren Land direkt an Agenfelts Nordgrenze liegt.“

„Kitram?“, fragte der Gott ohne große Hoffnung.

Der große Blondschopf mit den unordentlichen Haaren hüstelte verlegen. „Zufällig bin ich Experte für Meuchelmörder.“

„Schon klar, schon klar. Dann verzichtet eben auf meinen messerscharfen Verstand, auf meine Kombinationsgabe und auf mein immenses, ich betone: immenses Wissen!“ Schmollend wandte er sich ab und verschränkte die Arme vor der Brust.

Seufzend meinte Conrad: „Wie auch immer. Kommt, Herrschaften.“ Er sah kurz zu Torandil zurück. „Übrigens, ich würde mir an deiner Stelle lieber ein Schwert besorgen. Oder willst du Selestin und Taramia mit bloßen Händen verteidigen?“

Der Trotz im Blick des Gottes verschwand und machte Verlegenheit Platz. „Ach ja. Gute Idee, Conrad. Hey, wenn ich dich nicht hätte.“ Eilig hastete er fort, um sein Schwert zu holen.
 

Die Gaststube war hell erleuchtet, der Wirt und andere Gäste aus dem Erdgeschoss hatten sich hier zusammengefunden bei all dem Lärm und der Unsicherheit. Als sie Jisathan die Treppe hinabsteigen sahen, fielen sie vor ihm auf ein Knie.

Der Prinz selbst, nur in ein Nachthemd gekleidet, um das er seinen Schwertgurt gelegt hatte, winkte erschrocken ab. „Steht auf, gute Leute, erhebt euch! Ich bin inkognito hier, also eigentlich gar nicht da!“

„Natürlich, Hoheit, natürlich. Aber bei all dem Krach haben wir uns natürlich gefragt, was da oben vor sich geht. Und bevor wir nachschauen konnten, kamt Ihr schon mit Euren Gästen herab.“ Ein ängstlicher Blick traf den Prinzen. „Hoheit, Ihr seid unverletzt?“

Conrad hob den Attentäter hoch. „Der hier hat es nicht bis zu ihm geschafft.“

Ehrfürchtiges Raunen ging durch die neun Anwesenden.

Major Azet räusperte sich. „Wir wollen ihn vernehmen. Können wir den Schankraum dafür nutzen?“

„Natürlich, Herr Major. Natürlich. Wünscht Ihr auch, dass ich den Konstabler rufe?“

„Es kann nicht schaden, den hier der Obrigkeit zu übergeben“, sagte Conrad mehr um der Sache willen. Insgeheim befürchtete er, dass der arme Teufel hier auf Wochen sein Lager nicht würde verlassen können.

„Natürlich. Ich arrangiere alles weitere. Und ihr, steht nicht so rum! Macht Platz für Jisathan und seine Gäste!“

Die anderen traten zur Seite. Als der Kronprinz sie passierte, neigten sie mit allen Zeichen der Verehrung ihre Häupter und murmelten leise Phrasen der Bewunderung, wie Conrad irritiert feststellte.
 

Azet schloss hinter ihnen den Riegel. „Wenn wir leise sind, werden sie uns nicht hören. Die Wände sind dick“, sagte er und deutete auf einen großen Tisch. „Leg ihn dort ab, Kadett.“

Ohne sichtbare Mühe drapierte Conrad den Meuchelmörder. Azet trat hinzu und sah ihm in die Augen. „Bewusstlos. Taramias Feuerball hat ihn vollkommen wehrlos gemacht. Auf Tage wird er nicht erwachen und auf Wochen nicht sprechen können. Die Magie hat seinen ganzen Körper von innen nach außen und von außen nach innen gekehrt.“

„Was zu erwarten war von einer Magierin vom Kaliber unserer Lehrerin“, murmelte Kitram ehrfürchtig und schüttelte sich, als ein kalter Schauder über seinen Rücken ging.

Conrad setzte sich an den Tisch, und die anderen folgten seinem Beispiel. „Mir scheint es eine gute Idee gewesen zu sein, das beste Zimmer den Damen zu überlassen. Du hättest einen so heimlichen Angriff jedenfalls nicht überlebt“, spottete Conrad in Jisathans Richtung.

„Conrad“, murmelte der Prinz betreten.

Der Jahrgangssprecher lächelte kurz, wurde aber schnell wieder ernst. „Da sind wir gerade mal zwanzig Meilen tief nach Agenfelt gekommen, und schon gibt es den ersten Anschlag auf dein Leben, Jisathan.“

„Den Angriff dieser Räuber nicht mit gerechnet“, wandte Mirk ein.

„Oder das Gift, das uns der Wirt des letzten Gasthauses unwissentlich mit dem besonderen Wein aus Agenfelt serviert hat, den er selbst erst vor Stunden billig erworben hatte“, fügte Kitram hinzu.

„Und beide Male waren es die Frauen, die den Feind in die Flucht geschlagen oder das Gift entdeckt haben“, sagte Jisathan vergnügt. „Und du wolltest sie nicht mitnehmen, Conrad.“

„Zugegeben“, murmelte der große Waldek. „Aber es bereitet mir immer noch Magenschmerzen, nicht nur Selestin, sondern auch ihre Mutter zu gefährden.“

„Dann hättest du die beiden auf Burg Catrek lassen sollen. Aber du hattest ja nicht genügend Mumm in den Knochen, um sie abzuwehren. Und kaum hattest du Selestin erlaubt uns zu begleiten, war Taramia dabei.“ Mirk grinste verzückt. „Nicht, dass ich da etwas gegen habe.“

„Die Gefahr in der sie schweben macht dir gar nicht zu schaffen, oder?“, fragte Conrad bitter.

„Die einzigen die hier in Gefahr schweben sind Räuber und Attentäter, die mit Taramia aneinander geraten“, erwiderte Mirk trocken, und die anderen Anwesenden nickten zustimmend.

Jisathan druckste verlegen. „Großer Bruder, es... Vielleicht war es eine dumme Idee von mir, dich zu bitten, mich zu begleiten. Ich wusste, das so etwas geschehen würde. Ich wusste, dass sie wieder versuchen würden mich zu töten und...“

„Und genau deswegen war es richtig mich zu fragen“, sagte Conrad streng. „Mich und die anderen.“

Es war nicht einmal einen Tag her, da hatte der Kronprinz von Agenfelt den Befehl seines Vaters erhalten, so schnell es ging nach Schloss Tirit-Alem zurück zu kehren. Einer solchen Anordnung widersetzte man sich nicht, also war Jisathan aufgebrochen. Aber anstatt sein übliches Gefolge mitzunehmen hatte er sich entschieden, die besten der besten Catreks einzuladen. Für ihn war es ein besonderer Glücksfall, dass Livon Azet ebenfalls seine Teilnahme zugesagt hatte, nachdem sich Taramia ihren Platz in der Gruppe erstritten hatte. Zwei weitere Tage würden noch folgen, bevor sie jenes Schloss erreichten, von dem aus der König das ganze Riesenreich lenkte und dirigierte – mitten hinein in das Schlangennest aus kaiserlichen Verwandten, Baronen und Grafen, Kurfürsten und designierten Rittern sowie einer Reihe ehelicher und unehelicher Geschwister Jisathans.

Und alle vereinigte vor allem eines: Der Gedanke daran, dass ein jeder von ihnen ein König werden konnte, wenn nur die Thronfolge etwas ausgedünnt worden war.

Und in diesen Höllensumpf war Jisathan zurückbefohlen worden, und hatte bereits bitter zu kosten bekommen, was ihn erwartete.

Der Prinz ließ den Kopf hängen. „Und ich dachte, ich hätte noch Ruhe vor dem, was vor mir liegt. Gift im Essen, störrisch gemachte Reitpferde, Attentäter vor meinen Fenstern und in meinen Schränken, harmlose Tanzeinladungen, die sich als Sixtett mit Schwertern entpuppen, lächelnde Damen, die mit rechts den Fächer und mit links den Dolch halten... Warum bringen sie sich nicht alle gegenseitig um und lassen mich dafür in Ruhe?“

„Weil Ihr, Hoheit, der Erbe dieses Landes sein werdet. Und Agenfelt ist ein Juwel, das zu besitzen sich lohnt. Die Armee ist groß und gut ausgebildet und die Verwaltung auf dem neuesten Stand der Entwicklung. Selbst ein ausgemachter Dummkopf muss erhebliche Mühen aufbringen, um es herunter zu wirtschaften“, schloss Kitram Lorhest seinen Vortrag und erntete dafür von Mirk spontanen Applaus.

„Du bist die Nummer eins auf der Liste. Wenn du tot bist, kommt einer deiner Geschwister an die Reihe. Gibt es die nicht mehr, dann deine Halbgeschwister. Danach die Verwandten und dann die Kurfürsten, Barone und Grafen. Es wundert mich ehrlich gesagt auch, dass Tirit-Alem noch nicht entvölkert ist, denn jeder scheint dort Grund und Gelegenheit zu haben, den einen oder anderen Konkurrenten los zu werden“, sagte Conrad.

„Ganz so einfach ist es nicht. Attentate sind eher selten auf der Burg, denn mein Vater hat über den ganzen Ärger dieser Politik die Sippenhaft eingeführt. Wird ein jeder eines Attentats überführt oder beim Versuch gestellt, drohen ihm je nach Schwere der Tat Kerker oder Galgen. Seine Familie aber fällt zehn Jahre in Ungnade und darf das Schloss in dieser Zeit nicht aufsuchen und niemanden in den Rat der Grafen entsenden. Das ist der Grund, warum es nur einige wenige Morde auf dem Schloss gibt, denn sie müssen perfekt sein, auf das man den Auftraggeber nicht ermitteln kann. Oder das Ziel muss lohnend genug sein“, murmelte Jisathan.

„Ein Kronprinz zum Beispiel?“

„Ein Kronprinz zum Beispiel, Mirk Farel.“

„Oder eine gute Gelegenheit, wie in einer Herberge nach einer erschöpfenden Reise. Oder beides“, stellte Conrad fest. Er schnaubte leise. „Nun, da wissen wir wenigstens woran wir sind. Ich nehme an, dieser hier wird uns nicht sagen können, wer ihn beauftragt hat?“

Kitram, der Conrads Blick auf sich ruhen fühlte, sprang erschrocken auf. „N-nun, nein, sicher nicht. Denn aufgrund der Sippenhaft hat sich ein vollkommen neuer Berufszweig in Agenfelt etabliert, die Mördergilde. Sie nehmen Gold für ihre Aufträge, kennen aber den Auftraggeber nicht. Deshalb können nur die Mörder selbst bestraft werden, wenn man sie fängt. Auf die Mitglieder und Höheren der Gilde sind natürlich hohe Kopfgelder ausgesetzt, aber man konnte ihrer bisher nicht habhaft werden.“

Es klopfte an der Tür, und nach dem lauten Herein Azets betrat der Wirt den Raum. „Der Konstabler wäre nun da, Hoheit.“

„Er kann den Mann mitnehmen. Mehr bleibt uns nicht zu tun“, erwiderte Jisathan.

Der Wirt nickte, verneigte sich und sprach mit jemandem außerhalb des Raums.

Daraufhin trat ein großer, kräftiger Mann ein, der das offizielle Wappen Agenfelts auf der Brust trug, dazu eine Lederrüstung, wie die Polizei sie zu tragen pflegte. Der große Mann begrüßte Jisathan mit allen Zeichen der Ehrfurcht, bevor er den Attentäter einfach unter die linke Armbeuge klemmte und wieder den Raum verließ.

„Na, wenigstens den wären wir los“, sagte Mirk amüsiert.

Die anderen nickten dazu, nur Conrad runzelte die Stirn. Die ganze Ehrerbietung, die unverholene Sympathie, die Jisathan entgegen kam... War das wirklich real? Ihm stockte fast der Atem bei diesem Gedanken. Konnte Jisathan wirklich... Beliebt sein? Es würde eine interessante Reise werden, dachte der junge Waldek bei sich.

***

Nach der Ehrfurcht, die dem Kronprinzen letzte Nacht entgegen geschlagen war hatte sich Conrad innerlich für weitere Überraschungen gestählt. Aber nichts auf der Welt hätte ihn auf diesen Anblick vorbereiten können. Obwohl die kleine Gesellschaft inkognito reiste, eilte ihnen die Nachricht von Jisathans Ankunft voraus. Menschen versammelten sich an den Wegen, welche die Kutsche und die Reiter nehmen würden und winkten ihrem zukünftigen Herrscher zu.

Conrad musterte die Mienen ihrer Gesichter, aber er konnte nichts darin finden als ehrliche Freude über die Heimkehr ihres einstigen Monarchen. Das überraschte Conrad doch ein wenig, immerhin hatte sich der Jüngere erst vor relativ kurzer Zeit von Jisathan der Nervensäge zu Jisathan dem Erträglichen gewandelt. In den meisten Ländern mit Monarchien waren die Herren meistens nicht sehr beliebt. Vor allem in Strukturen mit Landadel gab es noch immer die Leibeigenschaft, also das Faktum, dass die Menschen ihrem regionalen Fürsten regelrecht gehörten. Und dass sie so leicht zu veräußern waren wie ein Reitpferd, ein Schwein oder ein Jagdhund. Agenfelt hatte einen starken, alt eingesessenen Landadel, und bisher hatte Conrad nicht viel gutes über diesen Stand gehört, wenngleich sich Burg Catrek seit Generationen bemühte, gerade die Erben dieses Standes an die moderne Zeit und an neue Denkweisen heran zu führen. War Jisathans Beliebtheit ein Ergebnis dieser Bemühungen? Oder – Conrad blieb für einen Moment der Atem weg – lag dies an seinen ureigensten Verdiensten um dieses Land? Ach nein, das führte wirklich zu weit.

Die Menschen bemerkten natürlich beinahe sofort, dass Mirk ein Dämon war, und Torandil sowie sein Onkel Azet Götter. Conrad befürchtete schon das übliche Szenario, welches sich zu oft in Menschenländern abspielte – nämlich, dass die Götter verehrt und die Dämonen gefürchtet wurden, aber seltsamerweise rangen sich die Menschen durchweg zu der Erkenntnis durch, dass die Anwesenheit des Dämons in Ordnung war, solange er nur mit seiner Hoheit reiste. Ebenfalls eine Entwicklung, die Conrad überraschte. Natürlich wurden auch die Damen in der Kutsche als Göttinnen erkannt, und der junge Waldek musste mühsam seine Wut unterdrücken, als die Menschen unbedarft darüber spekulierten, ob eine der Schönheiten wohl die Braut des Prinzen war.

Nun, wenigstens beendeten sie ihren zweiten Reisetag ohne einen weiteren Mordanschlag.
 

„Warum halten wir?“, fragte Conrad, als die Kutsche in einem kleinen Ort an einem Gasthaus stoppte. „Wenn wir das letzte Tageslicht nutzen, können wir noch heute Tirit-Alem erreichen.“ Kurz neigte er das Haupt, strapazierte die Karte in seinem Gedächtnis und fand seine Worte bestätigt.

„Die Damen wünschen eine Nachtruhe“, informierte Kitram den Schülersprecher.

„Eine Nachtruhe? Auf Burg Tirit-Alem hat es Dutzende Betten“, erwiderte Conrad überrascht.

„Du fieser Kerl“, klang Taramias tadelnde Stimme auf. „Willst du etwa, das wir so vor den König treten? Vollkommen verschwitzt und mit Straßenstaub bedeckt? Eine alte Frau wie ich muss viel Zeit und Energie investieren, um noch etwas aus sich zu machen. Wenn ich in diesem Zustand vor den Hofstaat trete, bin ich das Gelächter von ganz Agenfelt.“

Conrad wandte sich um, fest entschlossen diverse Einwände vorzubringen, aber die bittenden, beinahe tränenden Augen seiner Lehrerin bescherten ihm das Gefühl, dass er auf der sicheren Seite blieb wenn er ihr nicht widersprach, solange sie nett zu ihm war.

Seufzend senkte er sein Haupt. „Wir bleiben heute Nacht hier.“

Kitram nickte. „Ich lasse den Wirt einen Burschen schicken, der uns für morgen ankündigt.“

Mirk und Torandil stiegen von ihren Pferden und reichten sie den Stallburschen zur Pflege. Zusammen traten sie vor das Gasthaus. Mirk pfiff anerkennend. „Ich wusste nicht, dass man mit Holz so hoch bauen kann. Das müssen vier Stockwerke sein.“

„Da merkt man wieder einmal, wie wenig ihr Dämonen wisst. Wenn du einen Baum pflanzt, ihn hegst und pflegst und ein wenig mit ihm redest, kann er das Heim für acht Stockwerke werden.“ Torandil reckte stolz das Kinn hoch. „Ich werde eines Tages einen Baum bewohnen, der zehn Stockwerke hat.“

„Ist die „Baum wachsen lassen und darin wohnen“-Methode nicht schon ein wenig aus der Mode, sogar bei euch Göttern?“, erwiderte Mirk spitz. „Du warst ja schon immer etwas altbacken, Torandil.“

Der Gott schnaubte leise. „Traditionsbewusst, Mirk, Traditionsbewusst. Außerdem verschafft dir ein Baum ein Wohngefühl, das weitab von allem ist, was einem ein Gemäuer wie Catrek oder dieses Haus aus totem Holz bieten kann.“

„Mag sein, mag sein, aber es gibt etwas, was dieses Haus bietet, und das den Komfort eines Baumes aufwiegt“, stellte Taramia fest, die ein paar fröhliche Worte mit der Wirtin gewechselt hatte.

„Und das wäre?“ Interessiert lächelte Mirk sie an.

„Das Haus steht direkt auf einer heißen Quelle. Es hat heiße Bäder, eine turemische Sauna und Massageräume. Tatsächlich ist das Gasthaus weit über die Grenzen von Agenfelt dafür bekannt, dass das baden die Gesundheit und das Wohlbefinden fördert.“ Sie ächzte und hielt sich den Rücken. „Oh, welche Wohltat wird das für meine alten Knochen sein. Ich denke, ich werde gleich mal ein Bad nehmen. Kommst du, Tochter?“

„Es ist nicht nett, die Männer die ganze Arbeit machen zu lassen“, tadelte Selestin ihre Mutter.

„Papperlapapp! Die Knechte schaffen das Gepäck ins Haus. Die Männer müssen nur aufpassen, welche Zimmer wir bekommen. Außerdem ist es so ein wenig sicherer für uns vor ihren lüsternen Augen, mein Kind. Zwar baden Männer und Frauen in verschiedenen Bereichen, aber die jungen Burschen sind erfinderisch. Na, wenigstens haben wir unsere Ruhe, bis die Zimmer bezogen sind.“

Als die beiden Frauen, stürmisch vom Wirt begrüßt, im Gasthaus verschwunden waren, sah sich Mirk mit wütend blitzenden Augen um. „Also, ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber für mich klang das wie eine Kampfansage!“

„Oh, das war es durchaus“, erwiderte Livon Azet belustigt. „Ihr ganzes Gerede darüber wie alt sie doch ist und wie ihr die Knochen schmerzen soll nur Komplimente schüren. Außerdem mag sie es, wenn sich die Männer nach ihr umdrehen. Und ja, sie hat euch junge Männer herausgefordert, euch ihren nackten Körper beim baden anzusehen. Wenn ihr euch traut.“

Mirk schluckte hart, und der Prinz hatte plötzlich Schweiß auf der Stirn.

„Aber bedenkt dabei eines, meine Herren... Erwischt sie euch dabei, habt ihr nichts zu lachen“, fügte Livon in düsterem Ton hinzu.

Der Mensch und der Dämon tauschten einen langen und ernsten Blick aus. Dann ergriffen sie einander an der Rechten und lächelten sich siegesgewiss an. „Keine Mauer kann hoch genug sein.“

„Kein Wall zu dick.“ „Wir finden unseren Weg.“ „So soll es sein, Freund Mirk!“

Die beiden sahen in die Runde. „Torandil?“

„Bin ich wahnsinnig? Selestin ist schon schlimm, aber ihre Mutter ist eine rasende Furie, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt.“ Abwehrend hob er beide Arme. „Lauft nur alleine in euer Unglück!“

„Conrad?“

„Verzichte“, brummte der zukünftige Minister von Pars.

„Was denn, was denn? Willst du deine geliebte Selestin nicht mal nackt sehen?“, fragte Jisathan mit verlockender Stimme.

Röte schoss in Conrads Gesicht. Er begann zu husten und sah fort. „Ich verzichte trotzdem.“

„Wie süß. Er wird ja sogar rot. Aber so ist das halt wenn man es mit einer J...“, begann Mirk, doch der überaus düstere Blick, den Conrad ihm zuwarf, brachte ihn nachhaltig zum schweigen.

Jisathan sah verwundert von einem zum anderen. „Irgendwie habe ich wohl gerade was nicht richtig verstanden, oder?“

„Schon gut. Das ist eine Sache zwischen Conrad und mir. Und Selestin.“

„Was hat denn Selestin damit zu tun, Mirk?“

„Oh. Nichts. Noch nicht“, orakelte der Dämon, erntete einen weiteren bösen Blick, den er jedoch mit einem überlegenen Lächeln an sich abprallen ließ. „Wenn ihr nichts dagegen habt, würden wir dann zuerst einmal baden gehen. Ihr passt auf unser Gepäck auf?“

„Warte, Mirk. Kitram, du begleitest uns.“

Ein unsicherer Schauder ging über das Gesicht des jungen Mannes. „Hoheit?“

„Ich sagte, du begleitest uns und hilfst uns dabei, Taramia und Selestin beim baden zu beobachten. Das ist ein Befehl.“

„Und wahrscheinlich der dümmste, den Ihr je gegeben habt, mein Prinz“, brummte er.

„Hast du gerade etwas gesagt, Kitram?“

„Natürlich nicht, mein Prinz. Dann überlassen wir unser Gepäck euren fähigen Händen, meine Herren.“

Livon hob abwehrend die Hand. „Wir überlassen es Torandil und Conrad. Ich für meinen Teil werde euch begleiten.“

Entsetzt starrten die Jungs den Major an. „WAS?“

„Wie bitte darf ich denn diese Reaktion verstehen? Habt ihr was dagegen wenn ich euch begleite? Mögt ihr mich nicht? Darf ich Taramia nicht nackt beim baden beobachten?“

„Meine Welt bricht zusammen. Ausgerechnet der berühmte Major Azet macht bei einer so unanständigen Sache mit“, murmelte Mirk und sah mit düsterem Blick zu Boden.

„Ich bin erschüttert. Ich bin tief in mir erschüttert. Ich dachte immer, die Offiziere von Roem wären...“ Fassungslos rang Prinz Jisathan nach Worten und nach Luft. „Wären etwas Höheres!“

Vorwurfsvoll sahen die beiden den Major an.

Azet beugte sich zu den beiden herüber. „Ich kenne einen Weg, wie wir sie beobachten können ohne selbst gesehen zu werden“, flüsterte er ihnen zu.

Übergangslos begannen die beiden zu strahlen. „Mein lieber Major Azet, ich wusste, dass auf einen Ritter von Roem immer Verlass ist!“, sagte Jisathan strahlend.

„Onkel Livon... Nein, großer Bruder Livon! Es ist mir so eine Ehre, dich zu kennen. Eine Ehre, in deiner Nähe sein zu dürfen!“ Große, dicke Tränen der Rührung standen in den Augen des Dämons.

„Nicht Worte, sondern Taten zählen. Kommt, Jungs!“, rief der Major und schritt voran. Mit geballten und gehobenen Fäusten jubelten die beiden Prinzen und folgten Azet in das Gasthaus.

Als sich die Tür hinter den dreien geschlossen hatte, atmete Kitram auf. „Ich denke, nun sind wir drei für das Gepäck verantwortlich. Ich...“

Die Tür öffnete sich wieder. „KITRAM!“

„Ich komme, mein Prinz!“ Hastig eilte der junge Kavalier seinem Herrn hinterher. Dabei murmelte er immer wieder: „Das geht nicht gut. Das geht garantiert nicht gut. Das kann gar nicht gut gehen.“

„Also sind nun wir zwei für das Gepäck zuständig, was?“ Torandil lachte leise. „Besser als das Schicksal, das diese armen Teufel erwartet. Und Livon sollte es eigentlich besser wissen. Er sollte es wirklich besser wissen. Aber so sind die zwei. Sie necken einander, seit...“ Torandil seufzte tief.

„Seit? Steckt da eine interessante Geschichte hinter?“

Torandil musterte den Freund eine Zeit. „Weißt du, Conrad, Livon und Taramia waren damals zusammen auf Catrek. Alle, mein Vater eingeschlossen, waren damals fest davon überzeugt, dass die beiden ein Paar werden würden. Aber dann kam alles anders, vollkommen anders. Und da Selestins Vater...“

Interessiert hob Conrad eine Braue. Das Thema hatte er bisher noch nicht angeschnitten. „Was ist mit Selestins Vater?“

„Äh, er ist verstorben. Als sie noch ganz klein war. Als wir beide noch ganz klein waren, und... Ach, das führt zu weit. Irgendwann erzähle ich es dir richtig. Aber nicht hier und heute, mit einem Haufen Idioten, die zwei Feuermagier im Frauenbad überraschen wollen und mit der Chance, dass wir heute das vierte Attentat auf Jisathan vereiteln müssen.“

„Ach, stimmt, da war ja noch was.“ Unwillkürlich legte Conrad seine Hand auf den Griff seines Schwertes. „Teilen wir uns die Aufgaben. Du kümmerst dich um das Gepäck, und ich erkunde das Gasthaus ein wenig auf Schwachstellen.“

„Einverstanden.“ Torandil klopfte dem Freund auf den breiten Rücken. „Mit dir kann man wenigstens auskommen. Mirk, die treulose Tomate, hat mich ja sofort im Stich gelassen. Da lobe ich mir beständige Menschen wie dich, Conrad.“

„Nanu? Fühlst du dich etwa zurückgelassen?“, erwiderte Waldek amüsiert.

„Er hätte ja ein wenig drauf beharren können“, antwortete Torandil in affektiertem Tonfall. „Aber nein, er hatte ja nichts eiligeres zu tun, als mit seinem neuen besten Freund Jisathan im Bad zu verschwinden.“

„Euch soll mal einer verstehen“, murmelte Conrad. Galant öffnete er dem Freund die Tür.

***

„Ach, komm schon, Selestin. Wie lange willst du noch schmollen?“

Selestin warf einen Blick auf ihre nur mit einem nassen und eng am Körper klebenden Handtuch bekleidete Mutter und ließ ein desinteressiertes Schnauben hören.

„Bist du böse mit mir weil ich kein Gasthaus mit gemischtem Bad ausgesucht habe, das du mit deinem Conrad besuchen kannst?“

Für einen Moment verschwand der Ärger aus dem Gesicht der jungen Göttin. Sie sah verträumt gen Himmel. „Mit Conrad...“ Als sie bemerkte was sie tat, hüstelte sie verlegen.

„Wusste ich es doch“, stellte Taramia zufrieden fest. „Na, in eurem Alter darf man ja auch noch leidenschaftlich sein. Bewahre es dir. Wenn du erst mal in mein Alter kommst, dann...“

„Das nervt, Mutter! Du kokettierst mit deinem hohen Alter und deinem furchtbaren Aussehen, obwohl dich manche Mädchen um deinen straffen Körper beneiden, nur um Komplimente von den Männern zu bekommen! Selbst für eine Göttin bist du um deine Spannkraft zu beneiden. Aber anstatt deine Schönheit mit Würde zu tragen forderst du lieber die Jungs heraus! Oh, Mutter, ich werde nicht schlau aus dir! Und ärgerlich bin ich auch! Immerhin hast du mich mit ins Bad geschleift, und ich habe nun auch nicht mehr an als ein Handtuch und...“ Unglücklich sah sie ihre Mutter an. „Meinst du, Conrad versucht mich zu beobachten?“

Taramia legte kurz den Kopf schräg. „Nun, Torandil würde es vielleicht versuchen, wenn er nicht genau wüsste, was du dann mit ihm machst. Mirk eventuell. Aber Conrad? Nein, der ist viel zu anständig. Alleine beim ersten Blick auf deinen wundervollen, elastischen Mädchenkörper wird er derartiges Nasenbluten bekommen, dass er kurz darauf am Blutverlust stirbt.“

Frustriert atmete Selestin aus. „Ja, so was passt zu ihm.“

„Auch das wusste ich. Ihr seid noch nicht viel weiter als bis zum Kuss gekommen, nicht wahr?“ Ihre Stimme klang zuerst mitfühlend, doch dann wurde sie ärgerlich. „Du willst meine Tochter sein? Wenn ich in so einen wundervollen jungen Mann verliebt wäre, dann hätte ich längst Mittel und Wege gefunden, um ihn zu bekommen und zu halten! Ich wäre nicht so schüchtern gewesen wie du es bist, junge Dame. Ich wäre mit ihm längst ein festes Paar, bevor eine andere kommt und ihn doch noch weg schnappt.“

„Oh, darum mache ich mir keine Sorgen“, sagte Selestin mit wehmütigem Lächeln. „Ich bin mir seiner absolut sicher. Wir werden ewig zusammen sein. Aber immer wenn ich versuche, unsere Beziehung zu vertiefen, dann kommt irgendetwas dazwischen. Hast du in letzter Zeit Feronns Komödie über Menschen und Götter gelesen? Bei mir und ihm ist es viel schlimmer. Erst neulich sind uns Assasinen dazwischen gekommen.“ Wieder seufzte Selestin, und diesmal hätte das Geräusch jedem heimlichen Zuhörer das Herz gebrochen und seine Tränendrüsen wie Schleusen geöffnet.

„Heißt das, du bist dir sicher genug, dass er einmal mein Schwiegersohn wird?“, fragte die Göttin sanft.

„Ja! Nein! Ja! Eigentlich schon, aber...“ Betreten sah sie zu Boden. „Es muss doch endlich mal etwas passieren! Ich meine, ich...“ Erschrocken sah die junge Göttin auf und sank tiefer ins warme Wasser. „Drüben sind wohl gerade die Jungs angekommen.“

„Sehr gut. Dann können die Wettkämpfe ja beginnen.“ Ein sardonisches Lächeln kam über Taramias Züge. „Wenn sie sich ungeschickt anstellen, werde ich sie bestrafen. Wenn sie klug sind, winkt als Belohnung ein Blick auf meinen Körper. Dann haben sie was zum träumen für die langen, einsamen Nächte.“

„Mutter! Du bist unmöglich!“

„Und du bist unvorsichtig! Mädchen, du hast dir einen Menschen ausgesucht! Weißt du was ihm bevorstehen wird? Turem wird niemals zulassen, dass du nach Pars gehst! Und du weißt selbst am besten, dass du das auch nie tun wirst! Du bist viel zu weich und würdest Torandil so etwas niemals antun. Also wirst du Conrad mitnehmen müssen. Und dann? Die Assasinen waren erst der Anfang. Du musst dir wirklich die Frage stellen, mein Schatz, was das beste für Conrad Waldek ist: Deine Liebe und Turem, oder seine Freiheit und Pars?“

„I-ich bin mir seiner sicher. E-er ist stark. Er ist aufrichtig. Er ist ehrlich. Und er ist schlau. Er kann alles meistern, mit oder ohne mich“, sagte Selestin, aber ihre Stimme klang belegt, als ihr die Tragweite ihrer zukünftigen Handlungen letztendlich bewusst wurde. Natürlich gab es auch Menschen auf Turem. Selbst im niedrigen Adel kam es immer wieder vor, dass Menschen einheirateten. Sogar Dämonenblut floss in der einen oder anderen Familie. Aber ein Mensch, der in eine so wichtige Familie wie der ihren einheiratete, und dann noch in dieser Position... War das wirklich möglich? Sie seufzte erneut, aber diesmal klang es zutiefst frustriert. „Ich will Conrad“, sagte sie schließlich. „Auch wenn das kindisch klingt, auch wenn es egoistisch ist, aber... Ich will Conrad! Und ich werde ihn auch nach Turem mitnehmen, wenn ich keine andere Wahl habe!“ Trotzig sah sie ihre Mutter an. „Conrad und ich sind ein Paar. Wir sind dazu bestimmt, zusammen zu sein.“

„Wir werden sehen“, erwiderte Taramia und lehnte sich bequem zurück.

„Wir werden sehen? Mutter, was hast du vor?“

„Ach, nichts besonderes. Ich bin nur schon seit einiger Zeit dabei, deinen Conrad zu testen, und bisher verliefen diese Tests zu meiner vollsten Zufriedenheit. Nun wartet ein weiterer Test auf ihn. Man sagt, auf Tirit-Alem würden einige der hübschesten, intelligentesten und begabtesten Menschenfrauen leben. Bei all dem Ärger, den er dabei hat, Jisathan zu beschützen, müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich nicht die eine oder andere für ihn interessiert.“

„Mutter! Conrad würde so etwas niemals tun!“

„Genau! Würde er nie!“, klang die entrüstete Stimme von Mirk auf, der gerade im Begriff gewesen war, über den Zaun, der beide Bäder trennte, hinweg zu schauen. Als ihm bewusst wurde, dass er sich verraten hatte, wurde er bleich. „Äh... I-ich wollte nur sichergehen, dass keine Meuchelmörder und dergleichen auf eurer Seite sind.“

„Runter vom Zaun, sonst helfe ich nach“, sagte Taramia und lächelte den Dämon mit einem zuckersüßen Lächeln an. Allerdings war der Feuerball, der sich zwischen ihren Fingern aufbaute, ein radikaler Kontrast zu diesem wunderschönen Anblick.

Entsetzen stand in Mirks Gesicht, dann sprang er hinab.

„Den hast du aber bemerkenswert günstig davon kommen lassen“, murmelte Selestin.

„Immerhin hat er deinen Conrad verteidigt. Das spricht nur für ihn.“ Die Göttin räkelte sich im herrlich warmen Wasser. „Außerdem war das Spiel noch gar nicht eröffnet.“

Sie erhob sich und nahm das Handtuch ab, welches sie sich um den Leib geschwungen hatte. Mit einem kräftigen Wurf schleuderte sie es über den Zaun in den Männerbereich. „Oh, Elend! Ich habe mein Handtuch verloren! Nun bin ich nackt!“

„Mutter!“, rief Selestin entsetzt.

„Stelle dich nicht zwischen mich und mein Vergnügen“, mahnte die Göttin ihre Tochter lächelnd.

Auf der anderen Seite klangen aufgeregte Stimmen auf. Man konnte sich beinahe bildlich vorstellen, wie die Jungs darum rangen, als erster einen Blick über den Zaun werfen zu dürfen. Taramia amüsierte sich göttlich.

Als der Sichtschutzzaun hinter ihnen zerbarst, runzelte sie die Stirn. „Nun übertreibt es aber einer von ihnen.“

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis die Göttin daran dachte, dass es in dieser Richtung gar nicht zum Männerbad ging. Im Gegenteil, dieser Teil des Zauns führte nach außen. Selestin war etwas schneller. Sie sprang auf und begann einen Zauberspruch zu murmeln.

Für bange Sekunden konnte sich Taramia nicht entscheiden, ob sie ebenfalls eine Beschwörung begann, oder ihre Blöße bedeckte. Dann eilten die ersten Gegner durch die Bresche. Es waren gepanzerte Ritter mit gezogenen Breitschwertern, die sich auf die beiden Göttinnen stürzten. Sie taten dies in einem Tempo, das nur zwei Schlüsse zuließ. Der erste war, dass ihre Bewegungen von Magie beschleunigt waren. Der zweite war, dass die Zauberer ihre Machtworte nicht rechtzeitig sprechen würden. Taramia schloss entsetzt die Augen.
 

Vor den beiden spritzte das Wasser auf, und Stahl traf auf Stahl.

„CONRAD!“, rief ihre Tochter erleichtert.

Taramia öffnete ihre Augen wieder und sah den jungen Menschen. Er blockte den linken Angreifer mit einem stählernen Handschuh, und den rechten mit seinem Schwert. „Bist du verletzt, Selestin?“

„Sei vorsichtig! Sie wurden mit Magie beschleunigt! Sie...“, rief Taramia hastig. Das war Sekunden bevor sie erkannte, dass die drei nicht statisch miteinander rangen, sondern auf eine unwirklich schnelle Art Dutzende Hiebe, Paraden und Streiche ausführten.

„Ich weiß“, antwortete Conrad. „Zieht euch zurück! Hier geht es gleich rund!“

Und wie um seine Worte zu bestätigen warf sich ein Hüne über den Zaun zum Männerbad, mit nicht mehr bekleidet als einem Handtuch um die Lenden, und in der Hand ein turemisches Schwert.

Gemeinsam mit Conrad drang er auf die beiden Angreifer ein. „Überlasst das uns!“, rief Livon Azet, sah für einen Augenblick zu Selestins Mutter herüber und schenkte ihr ein Lächeln. „Die Jungs bringen euch raus. Aber lege vorher noch ein Handtuch an, Taramia. Dieser Anblick könnte sie töten.“

„Charmeur“, tadelte die temporäre Lehrerin und lächelte den Major an, obwohl die Überraschung und der Schreck noch immer in ihren Gliedern steckten.

Selestin reichte ihr ein Handtuch, Augenblicke bevor Jisathan, Torandil, Mirk und Kitram mit gezogenen Klingen in das Frauenbad eindrangen. Kitram stellte sich sichernd zwischen Conrad, Major Azet und die Frauen auf, während Mirk und Jisathan die Tür zum Gang sicherten. Torandil eilte zu den Frauen, umschloss ihre Hüften und trieb sie auf diese Weise hinaus. „Kannst los legen, Conrad!“, rief er nach hinten.

Der Mensch sah für einen Moment zurück. Um seine Lippen spielte ein sardonisches Lächeln. „Es wird nicht lange dauern.“

Torandil drückte die beiden Frauen auf den Gang hinaus, Kitram zog sich rückwärts gehend zu ihnen zurück. Ihm folgte ein dunkles, gewaltiges Donnergrollen sowie eine wahre Flut an warmem Wasser aus dem Frauenbad.

„Nicht schlecht, dein Freund“, murmelte Taramia anerkennend.

„Er hält sich heute irgendwie zurück“, bemerkte Torandil in Gedanken und erntete dafür entsetzte Blicke der Göttin.

„WAS?“

***

„Hoheit!“ Der Mann, der am nächsten Morgen durch die Eingangstür der Gaststätte geeilt kam, hatte Tränen in den Augen. Als er den Prinzen von Agenfelt sah, sank er aus Erleichterung auf die Knie. „Hoheit, ich habe es gerade erst erfahren. Ihr seid unversehrt, dem Himmel sei Dank.“ Sein Blick ging zu Kitram. „Hast du deine Aufgabe ernsthaft erfüllt?“

Der blonde Bursche nickte ernst. „Ja, Bruder.“

„Bruder?“, echote Conrad. „Stimmt, wenn man die beiden vergleicht, dann sieht der Bursche aus wie eine ältere Version von Kitram.“

Das war so nicht ganz richtig. Der Mann, der sich nun wieder aufrappelte und die paar Schritte bis zum Kronprinzen stolperte, hatte eine andere Augenfarbe, und er war ein gutes Stück größer und breiter im Kreuz als der zukünftige Minister. „Hoheit, ich bin sofort mit einer Hundertschaft der Palastwache aufgebrochen, als ich die schrecklichen Neuigkeiten gehört habe. Ich wollte Euch mit Eurer persönlichen Garde aus Catrek abholen, aber seine Majestät hat es verboten. Doch als ich gehört habe, dass ihr ganz in der Nähe seid und angegriffen wurdet, da gab es kein Halten mehr.“

„Langsam, langsam“, tadelte Jisathan. „Darf ich vorstellen? Rogan Lorhest, Oberster der Palastwachen. Rogan, um die Angreifer wurde sich gekümmert. Kitram hat dabei eine sehr gute Figur gemacht und mich vorbildlich verteidigt.“

„Ach, ist das so?“ Der Oberst sah seinen kleinen Bruder streng an. „Nun, seine Hoheit war schon immer etwas weich mit dir, aber ich will glauben, dass du die Familie nicht völlig blamiert hast.“

Unruhig raunten die Freunde auf als ihr Kampfgefährte derart gerügt wurde. Doch Kitram nickte nur. „Ich tue meine Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen, Bruder.“

Jisathan seufzte schwer. „Er hat wirklich... Ach, was versuche ich hier zu erklären. Rogan, dies sind meine Freunde. Selestin, Mirk, Torandil und Conrad.“

„Ausländer?“, fragte der Palastwächter mit Argwohn in der Stimme. „Noch dazu Götter und Dämonen?“ Ein besonders taxierender Blick ging über Conrad.

„Außerdem begleiten uns unsere Lehrerin Taramia und Major Azet vom Roemschen Heer. Sie werden noch schlafen.“

„Nicht ganz, Hoheit. Ehrlich gesagt haben wir die ganze Nacht keinen Schlaf gefunden“, sagte Major Azet, als er in voller Kampfrüstung in den Schankraum trat.

„Ihr... Ihr meint... Zusammen keinen Schlaf?“, fragte Torandil und erbleichte langsam.

„Wir waren beschäftigt. Das Verhör der beiden Angreifer hat sich hin gezogen.“

„Ach ja, die Angreifer! Ich lasse sie sofort nach Tirit-Alem schaffen und dort in einen Kerker werfen! Ein Angriff auf seine Hoheit bleibt nicht ungerächt, wenn ich in der Nähe bin!“

„Nun, in diesem Fall werden Sie nicht viel zum verhaften und rächen haben“, ließ sich Taramia Northim vernehmen. Sie wirkte wütend und übermüdet. „Ich habe die ganze Nacht damit verbracht, die Angreifer stabil zu halten. Letztendlich sind sie aber doch vor meinen Augen zu Asche zerfallen.“

„Zu... Asche zerfallen?“

„Es war Magie am Werk. Jemand hat die beiden Angreifer in ihrem Zeitablauf beschleunigt. So sehr, dass sie zehn Hiebe tun konnten, in denen ein normaler Krieger einen schafft“, sagte der Major ernst. „Dadurch fließt ihr Leben aber hundertmal schneller ab. Sie wurden geradewegs in den Tod beschleunigt.“

Entsetzt sah der Palastwächter die beiden an. Dann lachte er unsicher. „Na, das ist mal was Neues. Sonst habe ich hier nur mit Dolchen im Dunkeln, Gift und kleinen tödlichen Tieren zu tun. Ich werde diese Attentatsmethode in meinen Kalender aufnehmen.“

Taramia und Livon Azet wechselten einen kurzen wissenden Blick. „Allzu bald wird ein zweites Attentat dieser Art wohl nicht erfolgen. Es braucht viel Magie und großes Geschick. Der Magus, der dies bewirkt hat, muss am Ende seiner Kräfte sein. Es kann Monate dauern, bis er diese Waghalsigkeit erneut riskieren kann“, sagte Azet ernst.

„Er ist also demnach immer noch da draußen“, stellte Lorhest ernst fest.

„Natürlich. Welchen Sinn sollte es machen andere für sich kämpfen zu lassen und dann selbst Risiken einzugehen? Aber wie ich schon sagte: Vorerst werden wir uns nicht mit ihm herum schlagen müssen.“

„Meine Damen, das Bad wurde repariert“, klang die vorsichtige Stimme des Wirts auf.

Taramia reckte sich und lächelte erfreut. „Wunderbar. Nachdem ich die ganze Nacht auf war, habe ich nun ein Bad bitter nötig.“

„Meine Dame, ich...“, begann Rogan.

Böse sah Taramia ihn an. „Sie werden doch wohl nicht von einer Dame verlangen, Ihrem König derart übermüdet und überanstrengt gegenüber treten zu müssen?“

Der Oberst straffte sich. „Natürlich nicht. Die Palastwache selbst wird über Ihre Sicherheit wachen, meine Dame.“

„Na, endlich finden wir einen Ehrenmann in diesem Land“, kommentierte Taramia und wandte sich Richtung der Bäder. „Komm, Tochter.“

„Und wir sollten uns um den Transport kümmern“, schloss Conrad.

„Nicht doch, nicht doch“, sagte Oberst Lorhest abwehrend. „Meister Waldek muss selbstverständlich als Gast des Kronprinzen keinen Finger ruhen. Ich habe Burschen dafür mitgebracht.“

„Meister... Waldek?“, argwöhnte Conrad.

„Ihr seid doch der Schulsprecher des Abschlussjahrgangs?“

„Nun, der bin ich, aber...“

„Dann weiß ich alles, was ich wissen muss.“ Rogan Lorhest klatschte in die Hände. Eine Flut an livrierten Dienern betrat das Gasthaus. „Verladet das Gepäck seiner Hoheit und das seiner ehrenwerten Gäste. Der Wirt wird euch die Zimmer zeigen.“

„Meister Waldek?“, fragte Conrad in Richtung Jisathans. „Meister in was?“

„In so ziemlich jeder Disziplin?“, erwiderte Jisathan und lächelte entwaffnend.

Conrad seufzte schwer. Er hatte mit wild gewordenen Mördern gerechnet, mit heimtückischen Magiern, aber sicher nicht mit maßloser Übertreibung. „Das war doch garantiert erst der Anfang“, murmelte er mehr zu sich selbst.

***

Dem Aufbruch nach Tirit-Alem stand nach dem Bad der Damen nichts mehr im Wege. Die Ankunft und Heimkehr des jungen Prinzen hatte sich nun endgültig herum gesprochen. Die Straßen, welche zum Schloss führte, waren von Menschen jeden Alters gesäumt, die einen Blick auf ihren einstigen Herrscher erhaschen wollten.

Jisathan, vom Jubel der vielen Menschen peinlich berührt, winkte ihnen artig. Dies ließ die Menge nur noch mehr jubeln.

Conrad ritt an seine Seite. „Du bekommst viel Aufmerksamkeit. Einiges davon wird sich in Rückhalt verwandeln lassen“, sagte er in mahnendem Tonfall, weil er den Unwillen bemerkt hatte, mit dem sein selbst ernannter kleiner Bruder agierte.

„Ich weiß, ich weiß. Es ist nur... Ich habe einfach nicht das Gefühl, diesen Rückhalt verdient zu haben, Conrad.“ Mit hoffnungslosen Augen sah er den Älteren an. „Ich meine, was habe ich schon geleistet in diesem Leben? Was habe ich schon für diese Menschen getan?“ Missmutig sah er zu Boden, bis der Jubel der Menschen ihn erneut antrieb zu lächeln und zu winken.

„Nicht viel, Hoheit“, ließ sich Kitram vernehmen. „Ihr habt Graf Vorrik seinem Titel aberkannt, weil er in seinem Lehen gewütet hat, als wären die Menschen lediglich sein Zucht- und Schlachtvieh.“

„Nur weil wir zufällig durchgeritten sind“, schwächte Jisathan ab. „Und auch nur, weil wir schnell die Hilfe einer loyalen Gardetruppe erhalten konnten.“

Kitram unterdrückte ein amüsiertes schnauben. „Auf die Ihr nicht gewartet habt, mein Prinz. Sie musste uns retten.“

Dieser Gedanke schien den Prinzen zu amüsieren, als er sich daran erinnerte, was damals geschehen sein musste. „Retten ist vielleicht das richtige Wort.“

„Und Ihr habt den Streit zwischen Caluguan und Droiderstadt aufgeklärt und beendet.“

„Alles was ich getan habe, war diesen sinnlosen Streiten, dem Konkurrieren ohne Grund und Sinn, durch einen Wettkampf zu ersetzen“, erwiderte der junge Kronprinz. „Ich kann von Glück sagen, dass die Stadtältesten überhaupt auf mich gehört haben.“

„Und dann ist da noch die junge Magd, die vom Hof ihres Herrn weg entführt wurde, und die Ihr, Herr, in einer zweiwöchigen Hatz aus den Händen der Banditen befreit habt.“

„Wir, mein guter Kitram! Wir! Und blase die Sache nicht weiter auf als sie damals war. Wir waren nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort! Und nun höre auf, mir Honig ums Maul zu schmieren. Was soll Conrad sonst von mir denken?“, zischte der Kronprinz scharf.

„Er wird denken, dass er sich all die Jahre gründlich in dir getäuscht hat“, sagte Conrad amüsiert. „Gibt es denn noch mehr darüber zu berichten, was Jisathan nicht für diese Leute getan hat, Kitram?“

„Nun, einige Geschichten gäbe es da durchaus noch. Und wir sollten... Oh, da kommt das erste Tor in Sicht!“ Aufgeregt gab Kitram Lorhest seinem Pferd einen sanften Schlag mit dem Zügel, woraufhin es beschleunigte.

„Das erste Tor?“ Conrad hob eine Augenbraue. „Wie viele Tore sind es denn bis vor den Palast?“

„Es sind nur zwei Mauern“, beschwichtigte Jisathan.

„Nur ist gut.“ Während sie näher ritten, offenbarte die Mauer ihre eigentliche Höhe, die Conrad mit zehn Schritten schätzte. Zudem schien sie endlos gerade nach links und rechts in die Unendlichkeit zu schießen. „Wie groß ist der Innenraum überhaupt?“

Jisathan legte verlegen eine Hand hinter den Kopf, während mit dem Tor auch das geschäftige Treiben des Warenverkehrs in Sicht kam. „Ach, weißt du, Conrad, Schloss Tirit-Alem ist nicht einfach nur eine Trutzburg, sondern auch unsere Hauptstadt. Und weil sie eine Trutzburg ist, befinden sich zwischen der ersten und der zweiten Mauer große Gärten und Felder, damit wir selbst einer langen Belagerung widerstehen können. Hinter der zweiten Mauer liegt die Verwaltungsstadt mit den Kasernen, Vorratshäusern und dem eigentlichen Palast. Alles in allem passt Catrem hier wohl dreißigmal hinein.“

„Was nicht unbedingt eine Leistung ist“, brummte Conrad, während sie durch ein Spalier hervorragend ausgerüsteter Phalanx-Soldaten ritten, die ihre frisch polierten Schilde und Speere zur Parade hielten. Der Raum hinter der ersten Mauer entpuppte sich als gepflegter, endloser Gemüsegarten. In der Ferne wehte auf der einen Seite noch grünes Getreide, auf der anderen glaubte er, Obstbäume rauschen zu hören, während der Wind durch ihre Blätter ging.

Nun gut, es war doch eine Leistung.

Es dauerte einige Zeit, bis die zweite Mauer mehr war als ein ferner Strich in der Landschaft. Und als dieses gewaltige Bollwerk vom nahen zu sehen war, erkannte Conrad mehr als einen großen Giebel, der über die Mauerkrone hinaus ragte. Auch das Land hinter der zweiten Mauer schien recht groß zu sein, um es vorsichtig auszudrücken.

„Okay, ich gebe zu, ich bin beeindruckt“, murmelte Conrad.

„Wirklich?“ Jisathans Miene hellte sich merklich auf. Auch wenn diese Stadt keine seiner Leistungen war, so konnte Conrad doch verstehen, dass er stolz auf sie war. Alleine die Größenverhältnisse ließen keinerlei Vergleich mit Burg Waldek zu, dem Stammsitz seiner Familie. Wobei er nicht zu sagen vermochte, welche wehrhafter war.

Sie durchritten das zweite Tor, und wieder erwartete sie viel jubelndes Volk. Diesmal standen sie noch dichter und drängten zur Straße hin, wo weitere Phalanx-Soldaten standen, um den Weg seiner Hoheit abzusichern.

Als der Jubel seinen Höhepunkt erreicht hatte, geschah das Unfassbare. Von einem der Dächer aus schoss ein schwerer Armbrustbolzen heran, direkt auf Jisathans Herz zu.

Zuerst ging ein kollektives raunen durch die Menge, dann wurden Befehle gebellt; die Reiter der Garde drängten sich dicht um ihren Kronprinzen, um ihn mit ihren Leibern zu beschützen.

Mirk, wütend Flüche ausstoßend, sprang über die Köpfe der Menge hinweg und war mit wenigen Sätzen auf dem Dach, von dem aus geschossen worden war.

Dies war der Augenblick, in dem Conrad Waldek den Armbrustbolzen fallen ließ. Er hatte das Projektil eine Handbreit vor Jisathans Herzen gestoppt. Nachdenklich betrachtete er seine blessierte Linke. Der Bolzen war mit Widerhaken versehen gewesen und hatte tief in sein Fleisch geschnitten.

„Geht es dir gut?“, fragte er in Richtung des Prinzen.

„D-das ist hier doch nicht die Frage! Wie es dir geht ist viel wichtiger! Kitram, hole uns einen Heiler!“

Die aufgeregte und vor allem kräftige Stimme ihres Prinzen zu hören, der noch immer hinter den Leibern der Reiter verborgen war, wurde von der Menge sehr gut aufgenommen. Die Menschen brachen in Erleichterung und Jubel aus, als sie erkannten, dass Jisathan noch lebte und unversehrt war. Dennoch setzte die Gruppe ihren Weg zum eigentlichen Schloss unter strengstem Schutz fort.
 

Im Innenhof umringten die besorgten Gefährten den Ersten Schulsprecher und kommentierten die gerissenen Wunden. Erst als Taramia barsch dazwischen ging, nach Alkohol zum desinfizieren und frischen Verbänden verlangte, kam wieder so etwas wie Ordnung in die Angelegenheit.

Mirk kam derweil zurück. Auf seinem Ross lagen zwei leblose Körper direkt vor seinem Sattel. Er wurde von zehn Reitern der Palastwache begleitet, die ihn abschirmten wie Jisathan selbst.

Achtlos stieß Mirk die beiden von seinem Pferd. Beide waren tot, ihrerseits niedergestreckt von Armbrustbolzen. „Was für ein mistiges Spiel“, murrte er verärgert. „Dies ist der erste, der auf Jisathan geschossen hat. Der wurde vom zweiten hier erschossen, als ich ihn fast hatte. Daraufhin floh der zweite, und als ich den auch fast hatte, wurde er seinerseits erschossen. Dem dritten konnte ich dann nicht mehr folgen. Ich weiß wirklich nicht was stärker ist. Meine Frustration, oder meine Bewunderung für solche Sicherheitsvorkehrungen.“ Immer noch wütend sprang er aus dem Sattel und ging auf die Freunde zu. Mit einem Blick übersah er das Geschehen und beeilte sich. Bestürzt und aufgelöst ging er vor Conrad in die Knie. „Conrad, mein Lieber, was ist dir geschehen? Wie konnte das passieren?“

Taramia hielt ihn mit der Linken davon ab, dem Verletzten um den Hals zu fallen, während sie mit der Rechten den Alkohol nahm. „Es sind nur ein paar Kratzer. Am Bolzen waren Widerhaken“, brummte sie und goss die ganze Flasche über Conrads Hand aus.

Es schäumte, brodelte und verfärbte sich grünlich, aber der Schulsprecher verzog keine Miene, obwohl sich die Haut rund um die Wunde deutlich verfärbte.

Danach säuberte Taramia die Wunde und begann den Verband anzulegen.

„Du bist sehr tapfer, Conrad“, stellte Jisathan voller Bewunderung fest. „Ich hätte zumindest ein Stöhnen nicht unterdrücken können.“

„Das ist doch auch kein Wunder. Wer weiß was meine süße Tochter ihm als Belohnung versprochen hat, wenn er still hält“, sagte Taramia und zwinkerte Selestin zu.

„Mutter!“, rief die junge Frau entrüstet und errötete bis an den Haaransatz.
 

„Bruderherz!“

Die Anwesenden wandten sich der neuen Stimme zu. Aus einem der Dienstbotentore des Schloss´ kam eine junge Frau mit fliegenden Rockschößen hervor. Sie trug ein derbes Wollkleid aus grau in grau, und darüber war eine fein geklöppelte Schürze mit teuren Stickereien gebunden. Sie hatte langes weißblondes Haar, welches im Moment zu einem schweren Zopf gebunden war und in ihrem Nacken ruhte. Ihre tiefen dunklen Augen erinnerten an Jisathan, ebenso wie die Nase, aber sie war eindeutig hübscher.

Sie sprang den letzten Meter und fiel dem Kronprinzen in die Arme. „Jisathan, ich habe es gerade erst gehört! Geht es dir gut? Bist du unverletzt?“

Jisathan, über so viel offene Zuneigung vor seinen Kameraden entsetzt, brachte nur zwei Worte hervor. „Na, Na!“

„Hoheit, bitte. Wir haben Gäste“, mahnte Kitram, bevor das größere Übel in Form seines älteren Bruders eingreifen konnte.

„Hoheit?“, argwöhnte Conrad.

Jisathan räusperte sich vernehmlich. „Conrad, Selestin, Major Azet, Taramia, Mirk und Torandil, dies ist meine jüngere Schwester Jalandia.“ Er fügte entschuldigend hinzu: „Normalerweise trägt sie nicht so derbe Sachen. Hast du dich also wieder in der Küche herum getrieben?“

Die junge Frau löste sich mit allen Zeichen der Bestürzung und des Entsetzens von ihrem Bruder. „Wie gemein von dir. Mit eigenen Händen habe ich den Begrüßungskuchen für dich gebacken, und ich wäre schon längst umgezogen und hätte mich fein gemacht, wenn ihr nur eine halbe Stunde länger gebraucht hättet. Es sollte doch eine Überraschung sein.“

Den Tränen seiner kleinen Schwester konnte Jisathan anscheinend keinen Widerstand entgegen bringen. Andererseits aber brachte er auch kein Wort der Entschuldigung über die Lippen.

Conrad fühlte sich bemüßigt, einzugreifen. „Eine Prinzessin in der Küche. Nun, das hätte ich von deiner Schwester nicht erwartet, Jisathan.“

„Wie rüde, so über mich zu sprechen!“ Entsetzt und verletzt sah sie Conrad an. „Doch das mag ich noch hinnehmen, denn ich bin nur eine schwache Frau. Aber warum, mein Herr, gewährt Ihr dem Kronprinzen nicht sein Anrecht auf eine angemessene Anrede?“

„Mäßige dich, Jalandia“, mahnte Jisathan. „Conrad ist...“

„Conrad?“ Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Natürlich. Die verletzte Hand. Er hat den Bolzen gefangen, der auf dein Herz gezielt war!“ Sie sank vor Conrad in die Knie, ergriff beide Hände und drückte sie an ihre Lippen. „Edler Conrad Waldek, Lehrmeister und Lebensretter meines Bruders, verzeiht meine harschen Worte! Verzeiht meiner Hast und seid versichert, sie entstanden nur aus schwesterlicher Liebe zu meinem guten, teuren Bruder Jisathan. Ich danke Euch, oh, ich danke Euch, edler, edelster Conrad Waldek, für alles was Ihr für meinen Bruder getan habt. Wenn es irgend etwas gibt, was ich als Ausgleich erbringen kann, so fordert es nur von mir. Ich will alles tun, was in meiner Macht steht!“

„Na, das nenne ich mal eine forsche Ansage“, stellte Taramia fest. „Wirklich alles, kleine Prinzessin?“

Erschrocken sah Jisathans Schwester auf. Tiefe Röte legte sich auf ihren blassen Teint und ging bis unter die Haare. „Oh! OH! Ich wollte... Ich meinte... Nun, ein Wort ist ein Wort, wenn es aus adligem Mund kommt und...“

„Nun ist aber genug!“ Selestin, selbst rot im Gesicht, entriss Conrads Hände dem Griff der Prinzessin und barg sie an ihrer Brust. „Conrad gehört mir.“

„Verzeiht, Selestin Northin“, sagte die junge Frau und senkte den Blick. „Mir lag es fern, jemand anderen sein Eigentum streitig zu machen. Wobei ich mich frage, kann ein Mann wie er Eigentum sein?“

Die Spitze trat ihr Ziel, und Conrad konnte Selestins Zittern von ihrem Busen über seine Hände spüren. „E-er gehört mir nicht in diesem Sinne“, haspelte sie hervor. „Es ist nur so, dass...“

„Wenn ihr diese Posse beendet habt“, klang eine raue und dunkle Stimme auf, „dann klärt das Debakel hier auf dem Hof!“

Ein großer, düsterer Mann betrat den Hof. Sein schwarzer Umhang, von eisernen Schulterpolstern gehalten, flatterte hinter ihm im Wind. Sein großes Breitschwert hatte nicht viel von den Zierdegen, wie sie an Königshäusern üblich waren, und eine mehrfach gezackte Narbe die quer über sein Gesicht ging bewies, dass dieses Schwert ihn wenigstens einmal nicht hatte verteidigen können.

„Prinz Jorgumant!“ Kitram Lorhest neigte eilig das Haupt, als der große Mann näher trat.

„Wo ist Rogan? Warum hat er dieses Chaos zugelassen? Und welcher von euch Kindern ist dieser Mirk?“

„Rogan organisiert das einstellen des Gepäcks in die Gastquartiere“, entschuldigte Kitram seinen älteren Bruder. „Er hielt das für zu wichtig, um es dem Quartiermeister zu überlassen.“

„So, so. Stattdessen duldet er diesen Aufruhr, anstatt mir über das Attentat auf meinen Zögling sofort Bericht zu erstatten !“ Unter dem Blick des großen, schwarzhaarigen Mannes senkte Kitram das Haupt noch ein wenig mehr.

„Schwester. Geh sofort auf dein Zimmer und zieh angemessenere Kleidung an. Nicht dieses derbe bürgerliche Zeugs.“

Jalandia erhob sich, den Blick gesenkt. „Natürlich, großer Bruder.“ Hastig drückte sie sich an dem Riesen vorbei.

„Jisathan, du bist wohlauf?“

„Mir ist nichts geschehen. Aber wir wurden von einem Dach aus beschossen.“

„Die Dächer werden von meinen Männern bewacht. Es muss sich um Verrat oder Mord handeln. Ich gehe der Sache nach“, sagte Jorgumant ernst. „Du bist dieser Dämon Mirk?“

„Mirk Farem di Torangar. Kronprinz, zu Euren Diensten, mein Herr“, erwiderte der Dämon formell, und mit dem zwingenden Ernst seiner Prinzenwürde in der Stimme.

„Verzeiht, Hoheit. Es wurde versäumt mir zu berichten, wer Ihr wirklich seid, abgesehen von einem hervorragenden Krieger. Wenn ich unhöflich war, habe ich sicher Eure Wut verdient. Dennoch muss ich Euch bitten, mir später Rede und Antwort zu stehen. Ein Angriff auf den Kronprinzen ist eine ernste Angelegenheit.“

„Natürlich, Prinz Jorgumant“, erwiderte Mirk kalt und professionell.

Der große, düstere Mann brummte zufrieden und sah zu Conrad herüber. „Ihr seid Conrad Waldek. Nehmt meinen Dank an für die Lebensrettung meines Zöglings.“

Barsch ergriff er die verletzte Linke und betrachtete sie. „Eine gute, kräftige Hand. Ihr müsst begehrt und beliebt bei den Frauen sein, mein lieber Junge.“

Diese Worte hatten zur Folge, dass sich ein allgemeines Gemurmel erhob, das teils bestätigte, teils all seine versäumten Chancen beim anderen Geschlecht rezitierte. Selestin indes war maßlos entsetzt.

Doch bevor irgend etwas eskalieren konnte, ergriff Taramia den rechten Arm des Prinzen und umfasste ihn mit beiden Händen. „Mein lieber, guter Jorgumant“, sagte sie in einem gutturalen Ton, „Ihr schaut mir aus wie der richtige Mann für eine kleine Gefälligkeit.“

Der Prinz sah die Lehrerin aus Catrek im ersten Augenblick reserviert, danach ehrlich erfreut an. „Nun, Ma... meine junge Freundin, wenn es in meiner Macht steht...“

Taramia kreischte erfreut auf. „Ah, junge Freundin!“ Sie schlug mit zum Lächeln zugekniffenen Augen spielerisch auf seine Schulter. „Schmeicheleien führen bei mir zu nichts, junger Mann, aber zögert nicht sie auszusprechen.“ Sie schmiegte sich an den großen Mann an und zog ihn in Richtung Schloss fort. „Es gibt da eine Kleinigkeit, die ich da für Euch zu tun hätte.“
 

„Puh. Gerade so gerettet“, sagte Kitram und atmete tief durch. „Seid Ihr in Ordnung, Hoheit?“

Jisathan atmete seinerseits tief durch. „Das ging ja wirklich noch mal gut. Da hat Taramia ein gutes Werk getan.“

„Wer ist dieser Jorgumant?“, fragte Conrad gerade heraus.

„Mein Bruder. Mein ältester Bruder.“ Jisathan sah wehmütig in die Wolken. „Er kommandiert unsere Nordarmeen.“

„Er ist nicht der Kronprinz, wenn er älter ist als du?“, hakte Torandil nach.

„Nein, nein. Er ist nur mein Halbbruder. Mutter brachte ihn in die Ehe mit meinem und Jalandias Vater. Er hat keinen Anrecht auf den Thron, solange es uns beide, meinen jüngeren Bruder und ein halbes Dutzend Kinder von seinen Mätressen gibt.“ Die letzten Worte hatte er mit einem tiefen Seufzer ausgesprochen. „Ich kann Vater ja verstehen, dass er nach Mutters Tod einsam war. Aber ich werde nie kapieren, warum er nicht erneut geheiratet hat und stattdessen...“ Fahrig wedelte er durch die Luft. „..halt so lebt.“

„Jorgumant ist ein gefährlicher Mann“, sagte Kitram mit fester Stimme. „Man sagt, verschiedenste Fraktionen haben ihm die Königswürde versprochen, wenn es ihm gelänge die herrschende Linie auszulöschen.“

„Gerüchte“, wehrte Jisathan ab. „Nur Gerüchte.“

„Und Gerüchte haben meistens einen wahren Kern. Oder glaubt Ihr wirklich, Jorgumant stellt all seine Ambitionen über den Rang eines Heeresmeisters hinaus ab, nur weil er Euch und Jalandia so sehr liebt?“

Es kam selten vor, dass Kitram mit spitzer oder verbitterter Zunge sprach, deshalb hatte es eine besondere Wirkung auf Conrad. „Er hat schon einmal versucht... Wir konnten ihm nichts beweisen. Und der einzige Zeuge starb schnell und auffällig“, sagte Kitram mit bitterem Ton in der Stimme. „Ich jedenfalls achte seither auf ihn.“ Mit düsterer Miene ging der junge Mann voran.

***

Das eigentliche Schloss Tirit-Alem, umgeben von der Hauptstadt, die neben dem Regierungsviertel auch etliche Nutznießer des kulturellen und wirtschaftlichen Zentrums Agenfelts beherbergte, war geräumig, dreistöckig und groß genug, um Burg Catrek viermal aufzunehmen. Alleine der gewaltige Thronsaal war groß genug, um den gesamten Innenhof der Burg zu rekonstruieren.

„Die Heizkosten müssen enorm sein“, murmelte Taramia, während sie an Jorgumants Seite auf dem safrangelben Läufer in Richtung Thron schritt.

„Diesen Witz hast du schon vor fünfzehn Jahren gemacht“, erklang eine warme und freundliche Stimme vom anderen Ende des Saals. „Und schon damals habe ich dir erklärt, dass wir in dieser Region heiße Quellen haben, welche wir zum heizen des Schlosses heran ziehen.“

Der König betrat den Thronsaal durch eine Dienstbotentür. Er stieg nicht auf seinen Thron, sondern schritt auf seinen Gast und den Stiefsohn zu. Jorgumant sank auf ein Knie. „Majestät.“

Verstimmt sah der große hagere Mann den General an. „Mein lieber Junge, wie oft habe ich dir gesagt, dass du mich Vater nennen sollst, wenn wir unter Freunden sind?“

„Aber Majestät, ich...“

Der König reichte Taramia eine Hand, ergriff die Rechte der Göttin und führte sie zu seinem Mund, um einen Kuss darauf zu hauchen. „Sie ist eine Freundin. Eine ganz besondere Freundin.“

Jorgumant entspannte sich sichtlich und richtete sich wieder auf.

„Und? Was bringt meine besondere Freundin in mein Land, außer meinem Sohn mehrfach das Leben zu retten?“, fragte er mit Schalk in den Augen.

„Nur eine winzige Gefälligkeit, Reaon. Eine winzige Gefälligkeit vom König von Agenfelt.“

„Deine winzigen Gefälligkeiten sind gefährlich, Taramia. Mir wäre es lieber, du würdest mich bitten, ein Reich zu unterwerfen, denn das wäre nicht so aufwändig und international leichter zu vertreten.“

„Oh, du bist und bleibst ein Spötter, Reaon. Aber ein liebenswerter Spötter.“

Die beiden sahen sich an und lachten gemeinsam. „Also, was kann ich als Dank für die Rettung meines Erben für dich tun, werte Freundin?“

„Es ist wirklich nur eine winzige Kleinigkeit. Und im Gegenzug könnten wir vielleicht das eine oder andere deiner Probleme lösen, werter Freund“, erwiderte sie bedeutungsschwer.

***

Sie waren relativ früh am Morgen eingetroffen, und auch das Attentat auf den Kronprinzen hatte nicht gerade ihre Zeit gefressen. Dementsprechend war es kein Wunder, dass ihnen bis zum Mittagsmahl, welches zwei Stunden nach dem Zenit stattfinden sollte, Zeit in den eigenen Räumen gewährt worden war, um die Strapazen der Reise und des Attentats abstreifen zu können.

Für Conrad Waldek hieß das, die staubige Reisekleidung auszuziehen und das wenige zu begutachten, was er an repräsentabler Ausstattung mitgenommen hatte, inklusive einer kompletten Toilette in Form eines modernen Anzugs, wie man ihn in Pars bei großen Anlässen im Königspalast zu tragen pflegte. Doch Conrad befürchtete, dass diese Mode der in Agenfelt weit hinterher hinkte, und er nicht sehr repräsentativ für seine Nation dastehen würde. Dazu kam auch noch, dass er seine Kadettenkleidung von Roem nicht anziehen durfte, weil dies keine Mission der Schule, sondern eine Privatreise war. Also hatte er die Qual mit den wenigen restlichen Kleidungsstücken, während einer der Oberdiener des Palasts mit einem beträchtlichen Betrag aus seiner Börse und einem klaren Auftrag für ihn in der Stadt einkaufen war. Conrad entschied, dass die Dinge auf seinem Bett ausreichen würden, um vorerst einen halbwegs akzeptablen Eindruck zu machen.

Das Zimmer, eigentlich schon eine eigene Flucht, hatte ein eigenes Badezimmer mit fließendem Wasser. Soweit er wusste, geschah dies wie auf Burg Catrek durch den Eigendruck der Quelle, auf der das Schloss stand. Sie drückte das Wasser regelrecht nach oben, sodass im ganzen Schloss jederzeit kaltes und heißes Wasser zur Verfügung stand.

Conrad entkleidete sich bis zur Hüfte und wusch sich ausgiebig. Danach kehrte er, mit einem Handtuch beschäftigt, in den Wohnraum zurück. Dort wurde er bereits erwartet. Der Kleidung nach war es eine Frau mit hellblondem Haar, das zu einer kunstvollen Frisur hoch gesteckt war. Sie trug ein leichtes Tageskleid aus edlem Stoff und hatte sich über die Sachen gebeugt, die Conrad auf dem Bett ausgebreitet hatte. Dabei murmelte sie zu sich selbst. „Das geht doch nicht... Nicht mehr modern... Das es so etwas heutzutage noch gibt...“

Conrad beschloss sanft zu sein, wenngleich er abschätzte, wie viele schnelle Schritte er bis zu seinem Schwert brauchen würde. „Kann ich helfen?“, fragte er leicht heraus.

Die Frau wandte sich erschrocken um und legte beide Hände an die Brust. „Himmel, Conrad, habt Ihr mich erschreckt!“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit“, erwiderte der Schülersprecher und legte das Handtuch auf einem Stuhl ab. „Ich habe keinen Besuch erwartet. Und ich hätte gedacht, das sich eine Dame ankündigen lässt, bevor sie in das Zimmer eines fremden Mannes geht.“

„Eines fremden Mannes? Sind wir uns denn in so kurzer Zeit so fremd geworden?“, fragte sie unschuldig und verschränkte ihre Hände auf dem Rücken. Sie lächelte ihn an, bis ihr zu Gedanken kam, das der junge Waldek halb nackt war. Sie errötete und griff auf das Bett. Mit stark geröteten Wangen sah sie fort und hielt ihre Beute dem Jungen hin. „Hier, zieht dieses Hemd an, Conrad. Es bietet von den Dingen hier noch die beste Grundlage.“

„Ist es das, wofür Ihr hier seid, meine Dame? Um auf mich und meine Bekleidung herab zu sehen?“, fragte er barsch, nahm das Hemd entgegen und zog es an.

„Nein! Aber nein, wirklich nein, guter Conrad!“, beteuerte sie.

„Ihr könnt wieder schauen“, brummte Conrad und griff nach seinem Schwert. Mit geübten Griffen befestigte er es an seinem Gürtel. „Wenn Ihr nun die Güte hättet, Euch zu erklären?“

Sie sah wieder herüber. Ihr verlegenes Räuspern ließ ihn stutzen. Danach hüstelte sie verlegen. Und schließlich schüttelte sie den Kopf in Unverständnis. „Conrad, Ihr habt mich doch nicht wirklich schon vergessen? Es ist keine Stunde her, dass wir uns begegnet sind.“

Der junge Waldek stutzte. Er musterte die junge Frau, besah sich das kunstvoll geschminkte, hübsche Gesicht, die wenigen aber erlesenen Geschmeide an Hals und Ohren der Dame, die zarten und schlichten Ringe an ihren Fingern und das vorteilhaft geschnittene Dekolleté, das selbst einem kleinen Busen große Wirkung erlaubte. Langsam dämmerte es ihn. „Ihr seid... Jisathans Schwester?“

„So, habt Ihr mich also doch nicht vergessen, guter Freund“, sagte sie in tadelndem Ton.

„Ihr... Seht vollkommen anders aus als noch eine Stunde zuvor.“ Conrad musterte sie genauer. Wirklich, dies war Jalandia. Die Augen stimmten, das schmale, hübsche Gesicht und die Farbe ihres Haars waren eindeutig.

Verlegen sah die Prinzessin zur Seite. „Besser oder schlechter, Conrad Waldek?“

„Nun, ich bin kein Experte, doch würde ich sagen, dass Ihr auch in dem schlichten Kleid und der Schürze eine gute Figur gemacht habt. Ihr seht halt anders aus. So wie ein Baum im Sommer in vollem Blatt und im Winter vom Schnee verziert immer anders aussieht, aber nicht weniger prächtig.“

„Conrad! Ihr schmeichelt mir“, tadelte sie verlegen und sah mit erneuter Röte zur Seite.

Der junge Waldek, nicht ganz sicher, was schmeicheln sein sollte, zog es vor zu schweigen.

Als dieses Schweigen schließlich laut zu werden drohte, begannen beide zugleich zu reden.

„Nach Euch, Hoheit“, sagte Conrad schließlich.

„Danke, guter Conrad. Ihr werdet Euch sicher fragen, warum ich in Euer Zimmer gekommen bin. Nun, seht es als ersten Zins meines Dankes an, den ich für die Rettung meines Bruders empfinde, indem ich Euch helfe eine ansprechende Garderobe für unser gemeinsames Mittagsmahl heraus zu suchen. Verzeiht, dass ich dies ohne Ankündigung getan habe.“

„Und was ist der wahre Grund?“, fragte Conrad amüsiert.

„I-ich gebe zu, da gibt es noch etwas. Eine Frage, die ich stellen will.“ Mit plötzlich aufgeflammter Hoffnung sah sie Conrad in die Augen. „Dieses hübsche Mädchen, die junge Göttin Selestin, ist es wahr? Ist sie eine Schülerin auf Catrek? Mein Bruder schrieb es mir in seinen Briefen, doch glauben konnte ich es nie so Recht, dass die Lehranstalt auch Frauen nimmt!“

„Ja, sie ist eine Schülerin Catreks, und mit Verlaub, sie ist sehr gut in allem was sie tut“, erwiderte Conrad mit einem Lächeln.

„Sagt, Conrad!“, rief Jalandia und ergriff wieder beide Hände des Schülersprechers, nur um diese an ihre Brust zu drücken, „Ich werde sechzehn im nächsten Jahr! Denkt Ihr, Burg Catrek wäre auch eine gute Schule für mich?“

Als die Tür mit lautem Knall zuschlug, fuhren die beiden erschrocken herum. Torandil kam auf sie zugefegt und trennte mit allen Anzeichen der Panik Jalandias Griff um Conrads Hände. Dann umfasste er sie gegen jedes Protokoll an der Hüfte, hob sie an und trug sie gut zehn Meter weit fort. „Keine Zeit für Erklärungen! Selestin ist gleich hier!“, rief er über die Schulter zurück.

Wieder krachte die Tür, und Mirk kam herein. „Keine Zeit für Erklärungen, Selestin ist gleich... Oh, Torandil, du hast ja schon alles geregelt.“

„Habt ihr zwei etwa gelauscht?“, argwöhnte Conrad.

„Wie kommst du denn darauf?“ Torandil machte eine gegenteilige Geste. „Gelauscht. Wir vielleicht? Wohl in der Hoffnung, dich mit Selestin zu erwischen? Aber nicht doch. Nicht doch!“

„Nicht so laut!“, zischte Mirk. „Wenn Selestin dich hört...“
 

Leise klopfte es an der Tür, geradezu zaghaft. Vom Geräusch her hätte man es gerade noch mit dem sanften Flügelschlag eines Schmetterlings vergleichen können.

Überrascht ging Mirk zur Tür und öffnete sie. „Hey, Conrad. Du hast noch mehr Damenbesuch!“, rief der Dämon und deutete auf das zarte junge Wesen, das wie eine kunstvoll modellierte Puppe im Seidenkleid wirkte. Schlicht und doch elegant, und dazu wunderschön. Bis zu dem Moment, an dem ihre Augen sich auf Mirk fixierten. „Was heißt denn noch mehr Damenbesuch?“, zischte Selestin wütend.

Erschrocken wich der Dämonenprinz zurück. „Urgs. Selestin, bist du das?“

Das wie modelliert wirkende Frauenzimmer ballte eine Hand zur Faust, und auf ihrer Stirn begann eine Ader zu pochen. „Wenn du nicht gleich damit aufhörst, mich hochzunehmen, Mirk Farel, dann...“

„Falsch! Falsch!“ Abwehrend hob Mirk beide Arme. „Du siehst nur so vollkommen anders aus! Sieh, sogar Conrad kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus!“

Selestin wandte ihre Aufmerksamkeit dem jungen Waldek zu, der sie mit offenem Mund anstarrte.

„Conrad?“ Verlegen und mit verschämter Röte auf den Wangen sah sie zur Seite. „Conrad, wenn du mich so ansiehst, weiß ich ja gar nicht was ich denken soll.“

Draußen auf dem Gang erklang ein dumpfer Laut. „Kann mir bitte jemand helfen?“, klang die verzweifelte Stimme von Kitram Lorhest auf. „Seine Hoheit ist in Ohnmacht gefallen, als er Lady Selestin erkannt hat!“

Torandil begann tief und innig zu seufzen. „Na toll, Selestin. Das macht zwei auf einem Streich. Du kannst es einfach nicht lassen, oder?“

„Ist... Ist es meine Schuld, das ich so gut aussehe?“, erwiderte die junge Frau mädchenhaft verschämt.

Dabei hatte sie in Jalandia eine aufmerksame Zeugin. Sie hatte beide Hände auf ihre Brust gelegt und kam in langsamen Schritten näher. Vor der Älteren ließ sie sich niedersinken und streckte ihr ihre Hände entgegen. Mit glänzenden Augen strahlte sie Selestin an. „Meisterin! Lehre mich!“

Mit Grauen in der Stimme raunte Torandil: „Und genau das ist der Zeitpunkt, an dem wir das Land verlassen sollten...“

***

„...und das war der Moment, in dem wir die Falle zuschnappen ließen!“, klang Mirks Stimme über den Tisch hinweg auf. „Von links kamen sie, von rechts kamen sie, ihre Armbrustschützen schossen einem meiner Männer das Pferd direkt unter dem Hintern weg, aber wir waren unerschütterlich, und drangen ihnen einher! Ein Pirat zur Linken, ein Streich mit meinem Schwert! Ein anderer sprang mich an, aber Conrad war schon zur Stelle, um dem Haderlump sein Vorhaben zu vereiteln! Seht, die Bolzen gingen auf uns nieder wie ein Regen aus Stahl und Holz! Doch wir wenigen, wir tapferen wenigen, gestählt durch die harte Schule Catreks, wischten sie alleine mit Schwertern aus der Luft und hielten sie mit unseren Schilden ab! Nur Conrad ritt durch den Bolzenregen, als gäbe es ihn nicht!“

Ein aufgeregtes Jauchzen ging durch die Reihen von Mirks Zuhörerinnen, die begeistert an seinen Lippen hingen.

„Hat es sich wirklich so abgespielt, Conrad? Wenn ja, muss ich meine Meinung über deine Führungsqualitäten revidieren“, tadelte Major Azet mit einem dünnen Lächeln.

„Es war nicht ganz so“, erwiderte der Schülersprecher. „Wir hatten das Überraschungsmoment auf unserer Seite.“

Unruhig sah sich der junge Waldek um. Das schlichte Mittagsmahl, zu dem sie geladen worden waren, erfolgte an einer Tafel für zweihundert Personen. Zwar war sie nur halb besetzt, aber selbst das bedeutete noch einhundert Gäste.

„Nicht so bescheiden, Conrad!“, sagte Jisathan voller Enthusiasmus. „Wie ich hörte, hast du noch ganz andere Taten vollbracht! Oh, um mein Leben gerne wäre ich da im letzten Jahr gewesen, um mit dir, Bruder, in die Schlacht zu ziehen. Meine Bitterkeit war tiefer als die jener aus dem letzten Jahr, die du zurück gelassen hast.“ Jisathan klopfte sich vergnügt auf die Schenkel. „Selbst die Bücherwürmer haben sich da gewünscht, sich mehr für Schwert und Bogen als für Bilanzen zu interessieren.“

Conrad räusperte sich verlegen. Er hatte direkt neben Jisathan einen Platz erhalten, der am Kopfende neben seinem Vater saß. Taramia nahm einen Ehrenplatz neben dem König ein, der eigentlich einer seiner Frauen vorbehalten war, was viel Gerede am Tisch erzeugt hatte. Auch das ihre Tochter neben ihr saß kam schon fast einem Eheversprechen gleich.

Conrad nahm es unglücklich hin, nun durch vier Meter Tisch von Selestin getrennt zu sein. Nun, wenigstens hatte sie Torandil und Mirk in ihrer Nähe, die auf den Ehrenplätzen neben ihr saßen, während er selbst und Livon Azet auf dieser Seite der Tafel saßen.

Conrad vermisste Kitram am Tisch, aber der junge Mann stand an der Wand hinter seinem Herrn und ließ einen wachen Blick über den Saal schweifen, während bereits der fünfte Gang aufgetragen wurde.

„Wenn wir von Taten sprechen“, merkte ein älterer Mann in der Uniform des Reiches Agenfelt an, der die Insignien eines Generals trug, „so erzählt doch, Lord Waldek. Ich habe gehört, es war ein rauer Weg für Euch und den Prinzen?“

„Ihr begeht einen Fehler, General Irat“, klang die Stimme eines anderen Mannes auf, der einen geckenhaften, geradezu affektierten Anzug trug, der, wie man Conrad versichert hatte, der neuesten Mode entsprach. „Der junge Mann ist zweifellos von großem Mut beseelt und hat einen starken Schwertarm, aber er ist nicht von Adel.“

„Als wenn das eine Rolle spielen würde“, brummte der General verstimmt. „Zudem meinte ich den Titel als Würdigung, Graf Voulun. Selbst Ihr müsst zugeben, dass den Prinz zu beschützen eine Leistung ist, die Anerkennung verdient.“

„Würde diese Leistung Anerkennung verdienen, dann wäre die Familie Lorhest schon längst in den Herzogsstand erhoben worden“, erwiderte der Graf verächtlich.

Jisathan fuhr auf, aber eine Geste Conrads ließ ihn wieder Platz nehmen. Doch unverkennbar ballte er die Hände zu Fäusten, weil sein vielleicht einziger Freund in diesem Land ebenso wie dessen ganze Familie gerade beleidigt worden war.

„Ihr irrt euch, mein Lord.“ Conrad schenkte dem Gecken einen kühlen Blick. „Zwar bin ich kein Herzog und auch kein Thronerbe, aber in meiner Familie wird ein Fürstentitel und das Amt eines Truchseß vererbt. Mein älterer Bruder ist für diese Aufgabe vorgesehen. Nach gutem Recht und Tradition von Pars bin ich also ein Edelmann und darf den Titel meines Hauses tragen. Was wiederum einem Baron in Eurem Land entspricht, Herr Graf.“

Selestin schien dem noch etwas hinzu zu fügen wollen, aber ihre Mutter hielt sie zurück. „Da wir nun festgestellt haben, dass Lord Waldek doch von Adel ist, darf er vielleicht die Frage des Generals beantworten.“

Erbost sah der Graf zur Lehrerin herüber, dann aber senkte er den Blick und erwiderte: „Natürlich. Verzeiht meinen Einwurf, edle Dame.“

„Bitte, BARON Waldek“, sagte Taramia mit betonter Genugtuung in der Stimme.

„Zugegeben“, meinte Conrad, nachdem er sich ein wenig geräuspert hatte, „es war ein wenig unruhig auf unserer Reise. Hier ein wenig Gift, da ein Meuchelmörder, ganz zum Schluss noch mal zwei Haderlumpe mit Schwertern.“

„Wenn Ihr es so sagt, BARON Waldek“, meinte Voulun im Plauderton, „klingt es wirklich gar nicht so gefährlich. Aber ich gebe zu, euch Kriegern muss das Glück als wichtiger Gefährte zur Seite stehen, genauso wie das lockere Mundwerk.“

Nun war Jisathan nicht länger zu halten. Er sprang auf und schlug beide Handflächen auf die Tafel, sodass die Teller tanzten und einige Gläser stürzten. „Irik Voulun, was unterstellt Ihr da meinem Freund Conrad?“

„Nichts, Nichts, Hoheit. Er sagt ja selbst, dass die Reise nicht so schlimm war. Da wird halt jemand von geringerem Blut übertrieben haben müssen, als er seine Taten pries.“

„Gering können seine Taten kaum sein, wenn Magie im Spiel war“, zischte Jisathan wütend.

„Oho, Magie! Hat man euch auf Catrek in diesem delikaten Fach unterrichtet, Hoheit? Es würde mich freuen, derartige Ergebnisse zu sehen.“

„Man muss keine Magie beherrschen, um sie zu erkennen, wenn man sie sieht. Ich selbst habe einem Gehörnten gegenüber gestanden.“

„Bevor er ihn mit einem Dolchstoß geblendet hat“, fügte Mirk hinzu. „Grandiose Arbeit in allergrößter Gefahr.“

„Ach, und was hat BARON Waldek in dieser Zeit gemacht? War er zufällig nicht zugegen?“

Conrad erhob sich. Er sah Jisathan, wie er sich mehr und mehr in seiner Wut verlor, während er versuchte einerseits seinen Jugendfreund Kitram zu beschützen, andererseits Conrad und seine anderen Gäste. Und er erkannte, wie all das zusammen lief. Vielleicht nicht in den Händen von Irik Voulun, vielleicht etwas dahinter. Aber bevor etwas dummes geschah, sah er sich genötigt einzugreifen.

Er warf Jisathan einen zwingenden Blick zu. Zögernd, geradezu protestierend, nahm der Prinz von Agenfelt wieder Platz.

„Lord Voulun, ich mag nur ein Schüler sein, und ich habe vielleicht noch nicht viele Schlachten gesehen. Aber ich erkenne wenn ich provoziert und beleidigt werde. Ich nehme Eure Herausforderung an. Ort und Wahl der Waffen überlasse ich Euch.“

Ein helles Raunen ging über den Tisch. Jalandia schlug entsetzt beide Hände vor den Mund und schluchzte entsetzt auf.

„Ihr wollt euch mit mir schlagen, Baron Waldek? Oh, ich bin kein Soldat. Ich bin auch kein Schläger. Desgleichen habe ich eigentlich keine Herausforderung ausgesprochen. Aber wenn Ihr Eurer verdrehten soldatischen Ehre gemäß darauf besteht, will ich Euch ein Duell gewähren. Da ich mir jedoch keiner Herausforderung bewusst bin, lasst mich einen Substituten stellen.“

„Mein Herr Waldek!“, rief Jalandia hell über den Tisch hinweg. „Ihr dürft nicht...“

„Schon gut, Schwesterherz“, warf Jisathan ein. „Das ist eine Männerangelegenheit.“

„Aber er wird seinen Champion wählen! Toruk hat die letzten beiden Jahre das Turnier gewonnen und...“

„Conrad, Conrad, suchst du wieder mal den Spaß für dich alleine?“, tadelte Torandil ärgerlich und schnippte auf dem Tisch nach einem Brocken Brot. „Denke bitte das nächste Mal daran, uns mitspielen zu lassen, ja?“

„Ihr versteht nicht, mein Herr Torandil! Toruk ist schrecklich! Er ist furchtbar! Und er ist unglaublich stark und... Und...“ Sie schnappte nach Luft, suchte nach Worten und fand sie nicht.

„Sollte ich Toruk wählen? Ich hatte mehr an einen meiner eleganten Fechter gedacht“, sagte der Graf und nahm einen Schluck aus seinem Glas, „der Eurer Ausbildung in Catrek genehmer wäre. Aber nach dem was ich hier hören musste, kann ich verstehen, dass die Neugier auf meinen Kämpfer Toruk groß ist. Und es wäre doch ungerecht Euch gegenüber, Euch gegen meinen Zweitbesten antreten zu lassen, nicht wahr?“

„Aber... Aber...“ Mit Entsetzen sah Jalandia zum Kopfende der Tafel. „Vater!“

„Davon verstehst du nichts, Kind. Das ist eine Männerangelegenheit. Graf Voulun, sagen wir heute Nachmittag?“

„Es soll mir eine Ehre sein. Auf Leben und Tod? Etwas anderes erscheint mir für den Helden von Catrek unangemessen zu sein.“

Nun griff die Verzweiflung erst recht nach Jalandias sorgendem Herzen. „Meine Lady Taramia! Gute Freundin Selestin! Ich bitte euch...“

Taramia sah von ihrem Schwätzchen mit dem König auf. „Was denn, hübsches Kind? Unser Conrad wird das schon schaffen.“

Selestin jedoch hatte sich erhoben. „Ich protestiere!“

Die Augen der Anwesenden richteten sich auf die ärgerliche junge Frau. „Conrad, du wirst dir deinen Schwertarm auf den Rücken binden lassen, sonst hat dieser Toruk ja nicht den Hauch einer Chance!“

„Auf... den... Rücken...“ Mit einem Seufzer fiel die Prinzessin Agenfelts in Ohnmacht.

Sofort sprangen Nachbarn auf und Diener herbei.

In diesem Gewirr aber ging Conrads Stimme beinahe unter. „Mein Lord Voulun, ich werde in diesem Streit um die Ehre kämpfen. Worum aber streitet Ihr?“

„Wie meinen, Baron?“

„Was ist Euer Einsatz für den Fall, das ich gewinne?“

„Oh, Ihr werdet nicht gewinnen, Baron.“

„Gut. Dann bestimme ich Euren Einsatz. Ihr werdet, wenn Ihr verliert, Euren Titel verlieren, Eure Ländereien und Euer Heimatland. Euer Vermögen behaltet, und fangt irgendwo in der Fremde neu an.“

„Das... Das ist ja wohl...“, empörte sich der Graf.

Der alte General Watalaun Irat lachte amüsiert. „Endlich wird es mal wieder interessant hier in Tirit-Alem.“

***

Die dritte Stunde nach dem Mittag war als Uhrzeit des Duells angesetzt. Die kleine, sandige Arena, in der ansonsten die Bolzenschützen auf Scheiben schossen, war als Ort ausgemacht worden. Verlangt hatte Voulun Schwerter.

Conrad saß in einer kleinen Rüstkammer und besah sich die verschiedenen Stücke an Metall- und Lederrüstung. Zwar hatte er für die Reise seine eigene Rüstung mitgebracht, ebenso wie sein Schwert, aber falls ihm das eine oder andere Stück doch besser gefiel, konnte er es noch tauschen. Vor allem weil Dellen und Risse immer so schwer wieder zu beseitigen waren.

Jalandia begleitete ihn mit hängendem Kopf. „Conrad, guter Conrad, Ihr habt ja gar keine Ahnung! Toruk ist ein Riese von einem Mann, drei Köpfe größer als Ihr, mit der Kraft von vieren und der Wut von neunen ausgestattet! Seine Arme sind wuchtig wie Weinfässer, und mit einem Hieb kann er einen Mann spalten, und... Und... Lasst mich doch zu Graf Voulun gehen! Lasst mich sagen, mir zuliebe habt Ihr abgesagt! Ich...!“

„Conrad, Mann!“, rief Mirk, als er mit Torandil und Kitram den Raum betrat. „Dieser Toruk zerbröselt Weinfässer mit der bloßen Hand! Er ist riesig! Masse hat er genug für dich und mich und Torandil. Und flink ist er, das sollte man gar nicht so meinen!“ Der Dämon klopfte Conrad kräftig auf die Schulter. „Du wirst einen Spaß haben. Ich beneide dich darum.“

„Spaß? Er wird sterben!“ Anklagend sah die Prinzessin den Dämonen an, bevor sie zu einem kläglichen Häufchen Mensch zu Boden sank und dort zu weinen begann.

Mirk beugte sich vor ihr zu Boden und griff sanft nach ihren Händen. „Mein hübsches Mädchen. Tränen stehen Euch nicht. Eure wunderschönen Züge sollten nur ein Lächeln tragen müssen. Habt Vertrauen, Jalandia. Conrad Waldek ist nicht irgendwer. Er ist unser Champion. Seit er Catrek betreten hat, ist er dort Schulsprecher, und das wird nur der Schnellste, Klügste und Stärkste.“

„Und genau deshalb bist du seit fünf Jahren sein Stellvertreter“, spottete Torandil.

„Genau wie du, Gott“, raunte der Dämon ihm zu. Langsam zog er Jalandia auf die Beine. „Es ist offensichtlich, dass Graf Voulun etwas geplant hat. Wahrscheinlich wollte er jedoch Euren Bruder in dieses unmögliche Duell locken, und Conrad ist ihm dazwischen gekommen. Wahrscheinlich versucht der Graf gerade, die Situation zu seinem Vorteil zu nutzen, so gut er es nun kann. Aber am Ausgang des Duells wird es nichts ändern. Agenfelt wird einen fähigen Krieger verlieren, und Conrad wird seinen Ruhm mehren.“

Aus wässrigen Augen sah das schöne Mädchen den Dämonen an. „Ist das wahr, Prinz Mirk?“

„So habe ich es gesagt, so wird es geschehen.“ Vorsichtig dirigierte er die Dame zu einer nahen Bank, auf der er sie Platz nehmen ließ.

In diesem Moment kam Jisathan in Begleitung von Rogan Lorhest herein. „Voulun hat mir einen Handel vorgeschlagen“, sagte er verärgert und ließ sich neben Mirk auf die Bank sinken. „Er verzichtet auf das Duell, wenn...“

„Du auf deinen Thron verzichtest?“, riet Mirk.

„Nein, das nicht.“

„Ihm deine liebreizende Schwester zur Frau gibst?“, fragte Torandil.

„Nein, das auch nicht. Wieso überhaupt liebreizend?“

„Oh, ich vergaß, du hast dich an der Conrad-Krankheit angesteckt“, spottete der Gott.

„Dann hat er von dir Titel, Ländereien und Gold verlangt.“

„Nein, auch das nicht.“ Ärgerlich sah der Prinz in die Runde.

Rogan, Kitrams älterer Bruder, räusperte sich vernehmlich. „Das Duell wird abgesagt, wenn Seine Hoheit aus dem unsicheren Catrek zurück in die Sicherheit von Tirit-Alem kommt.“

„Oder übersetzt, dich ein Jahr früher als Zielscheibe selbst servierst“, schloss Conrad.

„Darauf läuft es wohl hinaus“, erwiderte Jisathan.

„Und, hast du angenommen?“, fragte Jalandia mit Hoffnung in den Augen.

„Warum sollte ich? Conrad würde auf Wochen kein Wort mehr mit mir wechseln.“

„Aber... Aber es ist Toruk! Toruk!“

„Oh, ich hatte eh vor, meinem guten Freund hier etwas besonderes zu bieten.“ Jisathan lächelte dünn. „Es scheint, Graf Voulun ist mir da zuvor gekommen.“

„Ihr seid doch alle verrückt und wahnsinnig und...“ Wütend sprang Jalandia auf. Dann wandte sie sich brüsk ab. „Ich werde für dich weinen, guter Conrad. Und ich will versuchen, Selestin in ihrer Seelennot so gut ich kann beizustehen.“

Die Männer sahen der resoluten Prinzessin einen Moment hinterher.

„Und, Conrad? Was willst du tragen? Deine übliche Rüstung? Wir haben auch gutes gehärtetes und vernietetes Leder hier.“

„Da hinten ist ein erstklassig verarbeitetes Kettenhemd in deiner Größe“, stellte Mirk fachmännisch fest.

„Ich denke, ich werde die gleiche Rüstung tragen, die mich schon im Kampf gegen die Piraten beschützt hat.“ Conrad zog seine Klinge blank. „Ich hätte nicht gedacht, dass diese Reise so interessant werden würde.“

„Erinnere mich daran, dir nächstes Mal eine Schlacht gegen ein ganzes Regiment zu bieten“, spottete Jisathan.

***

„Verzeiht die Verspätung“, murmelte Prinzessin Jalandia, als sie auf den eilig aufgebauten Sesseln am Rande der Arena neben ihrem Vater Platz nahm.

„Wo warst du so lange? Beinahe hättest du das beste verpasst“, tadelte Selestin.

„Ich... Ich habe versucht, Lord Waldek ins Gewissen zu reden, denn...“

Das Knarren einer großen Pforte überdeckte ihre dünne Stimme. Begleitet von Graf Voulun und einigen seiner Getreuen betrat ein wahrer Hüne die Arena. Eine dicke Lederrüstung bedeckte seine Brust, und ein reich verzierter Helm lag in seiner Armbeuge. An seiner Hüfte baumelte ein Schwert, das ein normaler Mann mit zwei Händen schwingen musste. Niemand zweifelte daran, dass der da es mit einer Hand führen konnte.

„Denn das ist sein Gegner“, schloss Jalandia tonlos.

Nun ging auch die andere Tür auf, und Conrad betrat, begleitet von seinen Freunden, die Arena.

Selestin sprang auf. „Conrad, hast du dir den Schwertarm auf den Rücken binden lassen? Wir wollen doch fair bleiben!“

Graf Vouluns Gesicht lief dunkelrot an, als er diese Worte hörte, und Jalandia drohte erneut in Ohnmacht zu fallen.

„Wir haben leider keine Kette gefunden, die den Arm hätte halten können“, erwiderte er in entschuldigendem Ton.

„Oh. Wenigstens hast du ein gutes Argument“, erwiderte sie und setzte sich wieder.

Nun erhob sich König Reaon. „Ein Duell wurde gefordert, zwischen Conrad Waldek und Toruk, dem Vertreter und Fechter Baron Vouluns. Auf Wunsch des Barons soll es auf Leben und Tod gehen. Deshalb lasst mich einen Preis für den Sieger ausloten.“ Seine Majestät nahm wieder Platz und nickte seinem Stiefsohn zu. Jorgumant erwiderte das Nicken und trat in die Mitte.

„Trefft euch in der Mitte, Duellanten.“

Conrad schritt auf den General zu, begleitet von einem aufmunternden Schulterklopfer Torandils. Während er auf Jorgumant zuschritt, musste er zunehmend den Kopf heben, um Toruk noch in die Augen sehen zu können. Als sie sich in der Mitte gegenüber standen, musste er sich gar ein wenig nach hinten beugen.

„Es gibt keine Regeln, es gibt kein Recht außer dem des Stärkeren. Es gibt kein Anrecht auf Gnade. Allerdings kann der Sieger dem Besiegten Gnade gewähren, was der Unterlegene kompensieren muss.“

Jorgumant sprang aus der Mitte fort. „Beginnt!“

„Habe keine Sorge, Bursche, ich werde dich nur töten, wenn mein Herr es ausdrücklich wünscht“, brummte Toruk mit erschreckend sanfter Stimme und sprang vor. Seine Rechte mit dem Zweihänder sauste herab. Zugleich schlug seine Linke mit der Kraft eines Schmiedehammers herab.

Doch dort wo die Klinge in den Boden fuhr, war Conrad nicht mehr.

„Habt auch Ihr keine Angst, guter Toruk. Ich denke, ich werde Euch verschonen“, konterte Conrad Waldek.

Toruk sah auf und erkannte den jungen Studenten von Catrek fünf Schritte entfernt. Sofort drang er mit unheimlicher Behendigkeit hinterher, erreichte Conrad und attackierte ihm mit einem Hieb von der Seite, der ihn in die niedersausende Linke treiben musste. „Geschwindigkeit ist nicht alles!“, rief Toruk.

Es gab einen dumpfen Laut, dann stutzte der Riese. Seine Linke wurde von der blanken Seite des Schwertes Conrad Waldeks aufgehalten; seine Klinge hielt der junge Bursche mit der Linken auf.

Toruk zerrte an der Waffe, bekam sie aber nicht frei.

Er hob die Linke, wollte um sich schlagen, sich frei prügeln, da war ihm das Gesicht Conrads plötzlich so nahe. Der junge Waldek grinste böse. Dann traf das rechte Knie des Catrek-Schülers Toruk unter dem Kinn und schleuderte ihn meterweit davon.

Er überschlug sich mehrfach, schlitterte noch ein paar Meter, und blieb dann liegen.

Entsetzte Raunen kam von den Zuschauern.

Toruk richtete sich sitzend auf, schüttelte den Kopf, um die Benommenheit los zu werden. Dann sank er nach hinten und gab keinen Laut mehr von sich.

Conrad Waldek steckte sein Schwert zurück, verbeugte sich vor seinem Gegner und dann vor den Gästen.
 

„D-das war noch nicht alles!“, rief Voulun entsetzt. „Toruk ist unmöglich besiegt! Nicht von so einem Zwerg!“

Jorgumant trat zu dem gefällten Riesen und legte ihm eine Hand auf die Stirn. „Conrad, was ist das für ein Schabernack?“, rief er entrüstet. „Er lebt ja noch! Bringt Ihr nie etwas zu Ende?“

Diese Worte ließen Voulun erbleichen.

„Nun, verzeiht, guter Jorgumant, aber es war nicht mein eigener Wunsch, dass dies auf Leben und Tod gehen soll.“

„Er kann nicht besiegt sein! Er kann nicht bewusstlos sein! Dies ist ein Komplott! Steh auf, du Halunke, steh auf, oder...“

Jorgumant hinderte den Grafen daran, nach dem Bewusstlosen zu treten. „Das nützt auch nichts mehr. Conrad hat ihn zu gut erwischt. Es würde mich wundern, wenn Toruk zu dieser Stunde noch aufwachen würde. Ihr habt verloren, Graf Voulun.“

„Verloren?“ Entsetzen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Verloren? Ich? Wenn, dann hat Toruk verloren, aber ich doch nicht, und...“

„Genug!“ Mit ärgerlicher Miene erhob sich Reaon von seinem Platz. „Ein Duell ist eine ernste Angelegenheit der Ehre! Ihr, Voulun, habt verloren!“

„Majestät, ich...“

„Ich sagte, genug! Da Ihr nicht in der Lage wart, selbst einen Preis zu nennen, Lord Waldek aber wiederum nicht widersprochen habt, als er Euren Einsatz forderte, gehe ich davon aus, dass der Sieger nun seinen Lohn bekommen kann!

Fortan, seid Ihr nur noch Irik Voulun! Euer Bruder Rakli wird fortan Euer Amt und Euren Titel tragen. Ihr seid Eurer Ländereien verlustigt und verlasst heute noch mein Land. Euer Vermögen sei Euch gelassen, soweit Euer Bruder keinen Anspruch darauf erhebt! Dies ist mein Urteil!“

„Majestät! Das könnt Ihr nicht tun! Ich habe Freunde, mächtige Verbündete! Ich werde mich rächen!“

„Majestät, der Bürger Voulun bedroht Euer Leben!“, stellte Jorgumant ernst fest und zog seine Waffe. Auch die anderen Palastwachen zogen nun ihre Schwerter.

„Was kann man anderes von einem zahnlosen Hund erwarten, als das er bellt? Bringe ihn hinaus, Jorgumant, und dann sorge dafür, dass er das Land schnellstmöglich verlässt.“

„Sehr wohl. Was soll mit Toruk geschehen?“

„Toruk soll...!“, blaffte Voulun, doch der König winkte ab.

„Das Leben des Kriegers Toruk gehört nun dem Mann, der es verschont hat. Jemand soll es ihm sagen, wenn er wieder erwacht. Und jetzt hinaus mit diesem Narren!“

„Sehr wohl, Majestät.“

Beschimpfungen ausstoßend wurde der ehemalige Graf mit seinen Leuten aus der Arena geschafft, während die Freunde Conrad umringten und ihn beglückwünschten.

„Und genau deshalb wollte ich, dass er einen Arm auf den Rücken bindet. Das ging viel zu schnell“, murrte Selestin und erhob sich.

„Du hast es gewusst? Dass er...?“, hauchte Jalandia, noch immer überrascht vom Gesehenen.

„Natürlich. Ich als erste weiß was Conrad kann.“ Sie lächelte liebevoll. „Aber deine Sorge war rührend.“ Selestin deutete eine Verneigung an, danach wandte sie sich um und ging zu dem Pulk um Conrad Waldek.

***

„Ist es das, was du wolltest?“, fragte Taramia amüsiert.

„Ich wollte gar nichts. Du und dieser Rotzlöffel wart es, die Unruhe in mein Land gebracht haben.“

Conrad Waldek, neben der Lehrerin und König Reaon von Agenfelt der einzige Anwesende, versteifte sich bei diesen Worten merklich. „Majestät!“

„Ich denke, ich muss dir danken, Conrad. Du hast einen intriganten und gefährlichen Mann aus meinem Palast entfernt. Zwar war er nur einer von vielen, aber die Geflechte der Lügen, Intrigen und Mordabsichten werden nun tüchtig durcheinander sein.“ Der König schnaubte, gefangen zwischen Ärger und Amüsement. „Vielleicht lange genug, um einmal durchatmen zu können.“

„Was die Attentäter angeht...“, begann Taramia.

„Oh, es gab zwei Gruppen. Einige hatten meinen Sohn als Ziel, andere deine Tochter, Taramia. Es gibt keinen Beweis dafür, dass sie zusammen gearbeitet haben, ja, die meiste Zeit haben sie sich wohl gegenseitig bekämpft. Bestenfalls zum Schluss mochten sie zu einer Übereinkunft gekommen sein, als sie zwei Agenfelter Soldaten mit ausländischer Magie verhext haben. Aber das ist nur Spekulation.“

Conrad sah überrascht auf. „Selestin? Aber wer sollte denn... Warum sollte jemand...?“

„Oh, das zu erklären überlasse ich Taramia. Es wird dir nicht gefallen, mein Junge“, brummte der König dumpf und wandte sich halb ab. „Dein Preis, Conrad Waldek, den ich dem Sieger ausgelotet habe, wird folgender sein. Fortan wirst du meine Unterstützung haben, bei allem was du tust und das mir vernünftig genug erscheint, und so weit es nicht gegen Agenfelts Interessen ausgerichtet ist. Du wirst sie bitter brauchen können, bei dem was dir bevorsteht.“

„Ich verstehe noch immer nicht, was...“, begann Conrad und wurde erneut unterbrochen, diesmal von Taramia.

„Wir werden auf Catrek darüber sprechen, Conrad“, versprach sie. „Und das ist immer noch viel zu spät und viel zu früh.“

„Außerdem“, sagte Reaon, und lenkte Conrad damit von Taramias Worten ab, „gebe ich dir Toruks Leben. Du hattest das Recht ihn zu töten. Damit gehört sein Leben dir. Ich habe ihn bereits gesprochen und ihm einen Eid abgenommen. Er wird auch einen persönlichen Eid auf dich leisten. Nimm ihn an, denn er ist wirklich einer der besten Krieger Agenfelts. Es hat mir nicht sehr gefallen, dass ein adliger Bursche ihn mit solcher Leichtigkeit erledigt hat, Conrad Eisenhand.“

Der junge Bursche räusperte sich verlegen.

„Jisathan ist bald mit den Dingen fertig, wegen denen ich ihn zurück gerufen habe. Ich habe unter anderem seine persönliche Leibgarde aufgestellt. Sie werden morgen auf ihn schwören und ihn fortan in Agenfelt beschützen. Du verstehst, dass das eine Sache ist, die wichtig genug ist, um ihn aus Catrek her zu ordern.“

„Natürlich, Majestät.“

„In drei Tagen könnt ihr dann wieder abreisen und den etwas weniger giftigen Schlangenpfuhl Tirit-Alem verlassen. Aber um eines muss ich dich noch bitten, Conrad.“ Der König wandte sich ihm zu. „Meine Tochter Jalandia ist nun in einem Alter, in dem sie zusehends zur Zielscheibe wird. Ich will sie in Catrek einschreiben lassen wie schon Jisathan. Und ich will, dass du mit deinen Freunden auf sie acht gibst. Sie wird euch zurück nach Roem begleiten.“

Conrad verneigte sich vor dem König. „Selbstverständlich, Majestät. Immerhin ist sie Jisathans Schwester. Das alleine hätte mir schon gereicht, um sie zu beschützen.“

„Ich habe diese Antwort erwartet“, erwiderte Reaon amüsiert. „Verlasse uns nun, Conrad. Ich habe mit Taramia noch etwas zu besprechen.“

Conrad verneigte sich erneut und verließ den Raum.
 

Aus den Schatten schälte sich Livon Azet hervor. Bis zu diesem Moment hatte ihm der Halbschatten eines Waffenschranks gereicht, um sich zu verbergen. „Ihr seid beide ungerecht zu Conrad“, warf er den beiden vor. „Zwei Prinzessinnen zu beschützen würde nicht nur einen normalen Mann überfordern. Conrad ist kein Übermensch.“

„Und dennoch ist er der einzige, dem ich zutraue, all das zu schaffen“, erwiderte Taramia. „Wenn ich ihn schon nicht mit all den Schönheiten in Tirit-Alem ins Wanken bringen kann, dann vielleicht mit deinem süßen Töchterlein, Reaon?“

„Oh, ich hätte nichts dagegen, ihn zum Schwiegersohn zu bekommen. Ich bin mir sicher, Jalandia hätte da auch nichts gegen.“

„Sie hat allerdings keine Chance, wenn sich Selestin endlich richtig Mühe gibt“, konterte Taramia. Ernst fügte sie hinzu: „Sie ist sich Conrads immer noch zu sicher, ist nicht ernsthaft genug, geht nicht weit genug. Wenn ihr Vater...“

Livon Azet winkte ab. „Genug davon. Aber was wird Pars sagen? Habt ihr daran schon mal gedacht? Denkt ihr wirklich, Pars wird einen so wichtigen zukünftigen Minister so einfach hergeben wollen?“

Reaon winkte ab. „Wir lassen ihnen einfach keine andere Wahl.“

„Guter Plan“, lobte Taramia.

„Ihr zwei schafft mich“, stöhnte Livon auf. „Und wenn nicht in diesem Jahrhundert, dann im nächsten.“

„Dann ist ja alles beim alten“, murmelte der König amüsiert. Er griff nach einem Krug und schenkte drei Gläser mit Wein ein. „Schwierig, aber nicht unmöglich. Wer lebt schon gerne lang und hat Langeweile?“

„Armer Conrad“, brummte Major Azet und ergriff das Glas.



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Kommentare zu diesem Kapitel (2)

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Von:  Subtra
2009-01-28T01:10:17+00:00 28.01.2009 02:10
Conrad ist eben eine Akira Figur, die muss irgendwas besonderes drauf haben Miyu.

Ein Bolzen zeichnet sich nicht durch eine runde, sondern durch eine Eckige Form aus, es ist ein rechteckiger langer aber kleiner Quader. Die Bolzen sind meist aus Holz, verlaufen spitz zueinander oder flach um einen Wiederhaken zu befestigen der noch mehr Damage macht. Abgeschossen von einer Ambrust hat das Ding genauso viel durchlagskraft wie einer der heutigen Schuss Waffen, wie die Deagle.

Insgesamt hat mir das Kapitel gefallen, musste viel lachen. Hoffe du machst weiter so ^^, nicht das du irgendwann ein Anime Evolution Kapitel in Für den Kaiser textest und ein Kapitel für den Kaiser in die Catrek Cronik. Sowie ein Kapitel der Catrek Cronik in Anime Evolution. Also überanstreng dich nicht Ace XD.
Von:  Miyu-Moon
2009-01-21T19:32:23+00:00 21.01.2009 20:32
Ist ein Bolzen rund oder mehr wie ein Pfeil? Und wie kann etwas Rundes Widerharken haben? Das würde doch einen Luftwiderstand geben.
Jalandia ist mir sympathisch.
Warum ist Conrad nur so stark, wenn er nur ein Mensch aber kein Magier ist?


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